Archiv für die Kategorie „Allertägliches“

Schön war’s!

Freitag, 24. Mai 2013

Werte Leserschaft, liebe Fans,

dieses Weblog endet. Vielleicht ist dem einen oder anderen aufgefallen, dass ich seit Monaten kaum noch blogge. Stattdessen habe ich über tausend (1000) Schwafelbeiträge gelöscht, für die ich mich hiermit entschuldige.1

Das Bloggen ist wohl nicht mehr meine Ausdrucksform. Oder es liegt an der immens gestiegenen Zahl der Spülschichten. Unter diesem Aspekt ist der Zeitaufwand für Sicherheitsmaßnahmen vergeudet.2

Immerhin ist das Blog wohl niemals gehackt worden. Es gab allerdings unzählige Versuche, und die Bots werden nicht dümmer. Vielleicht steckt doch irgendwo Malware, deshalb werde ich es nach und nach löschen.

Liebe Leute, vielen Dank. War schön mit Euch. :)

  1. Der verbleibende Rest dient mir zum Privatvergnügen. Musste zum Teil stark überarbeitet werden – auch hier sorry für das Gelaber. []
  2. Z.B. habe ich das Weblog jahrelang in doppelter Ausführung betrieben, inzwischen in dreifacher. Plus all die Sicherheitskopien und Updates und viele Maßnahmen mehr. []

So baumig hier

Mittwoch, 1. Mai 2013
Drei Baumstämme mit Moos und dicken Efeusträngen, Nahaufnahme

Trier, Gillenbachtal

Durch das Butzerbachtal

Samstag, 30. März 2013

Im März brachte uns Mohicain nach Kordel bei Trier. Am alten Bahnhof vorbei folgten wir der schmalen Straße bis zum Parkplatz am Fuße von Burg Ramstein. Durch das Butzerbachtal wanderten wir hinauf, bei fünf Grad und Regenschauern.

Biete Voodoo unterm Dach

Dienstag, 26. März 2013

Letzten Samstag Eklat in der Spülküche: “Was?! Du hast noch immer nichts gefunden? Das gibt’s doch gar nicht!” Drei Kolleginnen vom Service unterhalten sich mit meinem Spülerkollegen, ich stehe am Besteck, höre zu.

Der Kollege sucht seit langem eine größere Wohnung. Mit Frau und Sohn lebt er auf 40 Quadratmetern, am liebsten hätte er doppelt so viel Platz. In Trier-Süd oder im Osten der Stadt. Zu den Tiefen von West und Nord sagt er: “Wenn ich im Ghetto leben wollte, hätte ich schon vor Monaten umziehen können.”

Er arbeitet Vollzeit. Seine Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um den Jungen, der bald seinen ersten Geburtstag feiert. Den Spülerjob macht mein Kollege zusätzlich, er besitzt einen Wohnberechtigungsschein. Zur Miete meint er, 500 – 600 € könne er zahlen. Warum findet er keine Wohnung?

“Das kannst du vergessen”, sagt er, deutet auf seinen Arm. Wir schauen ihn groß an, alle, bis auf Katerina vom Service. Sie nickt, hat ihn einmal begleitet: “Ich war noch nie in der Situation, dass ich eine Wohnung nicht bekommen hätte. Mit ihm habe ich das zum ersten Mal erlebt.”

Katerina ist Russin, mein Kollege Afrikaner. Er glaubt, aufgrund seiner Hautfarbe wolle ihm in Trier niemand eine Wohnung vermieten. Meinem Vorschlag, via Twitter und Blog zu suchen, begegnet er skeptisch. Zögernd willigt er ein, möchte nicht namentlich genannt werden.1

Hatten diese Vermieter Angst vor meinem Kollegen? Der kann nämlich Voodoo.2 Der spricht sogar Französisch!3

  1. Vielleicht hat er es satt, sich anzubiedern. Auch ich habe seinerzeit keine Wohnung gefunden. »Spülerin? Niedriglohn? Kein Dämchen mit Friseurfrisur? Wollen wir nicht.« Bei bis zu siebzig Mitbewerbern hatte ich im heillos überteuerten Trier wenig Chancen. Nicht selten wurden regelrechte schriftliche Bewerbungen verlangt. Irgendwann fragte ich mich, wie die Vermieter selbst dabei abschneiden würden. []
  2. Lach, muss ihn mal fragen. []
  3. Nebst Deutsch []

Durch den Märzschnee

Mittwoch, 13. März 2013

Am Sonntag sind wir bei fünf Grad und Regen durch das Butzerbach­tal gestapft. Fotos folgen. Heute haben wir uns bei Trier durch Sonne1 und Schatten,2 durch Wald und über Berge bewegt. Diese Bilder tu’ ich zuerst ins Blog, bevor der schöne Schnee wegtaut.

Jahrzehntelang gab es in Trier keinen richtigen Winter: Schnee blieb nie, nie, und niemals nicht liegen. Seit drei oder vier Jahren ist das anders. Die wenigen Zentimeter auf den Fotos gelten in der hiesigen Gegend als beachtlich, zumal sie binnen weniger Stunden über uns gekommen sind.

  1. warm []
  2. merklich frostiger []

Trier: Kulturförderpreis 2012, Sparte Literatur

Mittwoch, 6. März 2013

Neugierig folgte ich einem Link bei Twitter, fand eine Geschichte und las …

Hin und wieder begegnen Ihnen in diesem Weblog der Sirzenicher Bach und seine linksseitigen Nebengewässer: Rompertsbach und Gillenbach. Triererinnen und Trierern dürfte letzterer Name sagen, wo das alles un­gefähr fließt: In der FH-Gegend, und vereint letztendlich in die Mosel. Den Gillenbach quert die alte Steinbrücke vor dem Stadtwaldhotel,1 einst ging es dort hinauf zum Café Wilhelmshöhe.

Gillenbachtal, Blick vom Wasserfall bachabwärts

Gillenbachtal April 2011, Blick vom Wasserfall bachabwärts

Ein Stück weiter bachabwärts findet sich je nach Jahreszeit und Wetter ein Wasserfall. Sie erreichen ihn nur noch vom Sirzenicher Bach her, seit einem Sturm (Name folgt) ist der obere Pfad2 gesperrt. Im Winter bildet sich vor den roten Felsen auch schon mal ein Eisfall.

In diesem Teil des Gillenbachtals wurde vor Jahrzehnten3 eine Höhle mit Brettern versiegelt, doch auch später zeugten immer wieder Spuren von Bewohnern. Im Jahr 2009 haben mehrere Trierer Behörden in Zusammenarbeit den Unterlauf renaturiert.4

Vor der ursprünglichen Szenerie spielt Die stille Acht von Rouven Hehlert. Das Idyll des Gillenbachtals muss Ihnen nicht vertraut sein, die Beklemmung dieser Story überträgt sich auch auf Ortsfremde. Einheimischen dürfte sie sich nachhaltig einprägen. Das Kulturbüro Stadt Trier honorierte Hehlerts Geschichte 2012 mit dem ersten Kulturförderpreis, der ihm gestern überreicht wurde.

Die imho sehr berechtigte Vergabe macht neugierig auf die Entwicklung dieses Preises, dem Autor möchte ich für das Lesevergnügen danken. Tipp: Machen Sie einen Ausflug zum Wasserfall und lesen Sie dort Die stille Acht. Wenn möglich, laut vor geneigtem Publikum, aber besser nicht nachts. Seit der Renaturierung ist der Pfad zwar wesentlich einfacher zu bewältigen, doch Natur im Urzustand ist stets mit Vorsicht zu genießen.

  1. Die Bitburger trennt es von den FH-Gebäuden. []
  2. Er beginnt linkerhand vor besagter Steinbrücke []
  3. Anfang der Neunziger? []
  4. Auch die Rahthauszeitung hat mit Foto darüber berichtet. []

Laberkachel

Dienstag, 8. Januar 2013

Wer kennt sie nicht, die Bildchen bei Facebook …

… garniert mit Kommentaren wie: “Dass stimmt das, ist Soooo WAHR!!!!!1!!”

Trümmerblick

Montag, 7. Januar 2013

Während meiner ersten schlimmen Trauerzeit, im Teenageralter, machte mich die Gleichgültigkeit der Umgebung fassungslos. Wie konnten nach diesem Todesfall die Singvögel lärmen? Warum schien die verdammte Sonne noch, was fiel es Leuten ein, fröhlich zu lachen?

Diese Gleichgültigkeit hat auch ihr Gutes. Ich stehe am Fenster, starre die Hinterhofhäuser an. Denen ist nicht mal egal, warum mich die Welt heute gernhaben kann. Die stehen halt rum, wie immer. Wäre ziemlich seltsam, wenn unter meinem Blick eins einstürzen würde.

Bei der Vorstellung muss ich lachen. Wie sinnlos, wenn einer blöden Stimmung wegen gleich ein Haus in Trümmer ginge. Nach all den Jahren hätte ich freien Blick bis zur Mosel runter … hm. Doch nochmal ans Fenster?

… und Facebook so:

Montag, 3. Dezember 2012
Deine Freunde werden Dich vermissen …!

Für ein paar Tage das Konto deaktivieren? Findet Facebook gar nicht gut. Ob eine Subroutine nur solche Bilder ausgewählt hat, auf denen Freun­desaugen in die Kamera schauen?

Fünf Facebook-Freundefotos mit Blick in die Kamera

Regina! Tom! Roy! Kratz! Thomas! #schluchz

Liebe Freunde, wenn Euch der Screenshot stört: Sagt Bescheid,1 dann lösche ich ihn. Oder verpasse Euch einen Augenbalken, oder was Euch sonst so einfällt.

Den Weg zum Deaktivieren musste ich erst mal suchen. Fand diese Anleitung hilfreich: Facebook Konto löschen oder deaktivieren

  1. Kommentar z.B. []

Regina Schleheck: Klappe zu – Balg tot

Mittwoch, 14. November 2012

Das Buch steht unter einer Falltür, die sich gerade zu schließen scheintIn Metropole Ruhr1 gilt der Name Schleheck als Marken­zeichen für Hintergründiges. Von klein auf muss diese Autorin Begebenheiten aus dem Alltag extrahiert und zur späteren Veredelung archiviert haben. Klappe zu – Balg tot vereinigt erstmals eine Aus­wahl ihrer Werke.2

Häufig3 werden die Storys von Heldinnen erzählt, in der bei Schleheck sehr angenehmen Ich-Perspektive.4 Ebenso ge­konnt versetzt uns die Autorin in Männer und kleine Mädchen, beschreibt tagebuchartig die Bekenntnisse eines Jungen oder berichtet.5 Eine Gemeinsamkeit aller Geschichten: Sie öffnen Zeitfenster in die Vergangenheit. Ob live oder im Rückblick, sie scheinen in einer Welt ohne moderne Kommunikation zu spielen. Passend auch die Namen der Protagonisten, Schleheck verzichtet hier auf zeitgenössische Verirrungen.

Vielleicht durch nachträgliche Anpassung muten manche Details etwas merkwürdig an. Die arbeitslose Schoko-Erotikerin zieht mit dem Fahrrad los, um wie weiland nach ausgehängten Stellen­angeboten zu suchen. Mühsam – ihr Schokorauschzubehör ordert sie denn auch bequem via Internet. Für das Meeting stopft die Karrierefrau eine Aktentasche mit Entwürfen voll, statt sich ein schickes Notebook unter den Arm zu klemmen oder die Daten aus der Cloud abzurufen. Der Chef kritzelt Das Buch scheint in eine nicht näher bestimmbare Klappe zu rutschen ihr seine Mobilnummer auf einen Geldschein, sie selbst besitzt offenbar keins. Auch Wilma schleppt nicht etwa ein mobiles, sondern ein Festnetztelefon an. Geradezu kommunikationsgehemmt: Frauen, die ihren Töchtern kommentarlos Binden in die Hand drücken.

Ein Leser kann das als Mangel empfinden – oder aber als Stilmittel: Technischen Firlefanz haben diese Storys nicht nötig.6 Hettensche Meinung: Aus dem Fundus Schleheckscher Geschichten wurde für den ersten Band bewusst diese in sich stimmige Auswahl zusammengestellt.7 Hettenscher Wink mit dem Zaunpfahl schwarz­lackierten Flurfußleistenstück: Ich freue mich schon auf Band zwei.

Das Buch unter den Scharnieren einer metallenen Klappe Zur Besonderheit der Zeitepoche ergänzt sich gut der Blickwinkel. Aufreizend, wenn Schleheck aus der Sicht einer Ehegattin erzählt, die mit einem Seitensprung so gar nicht klarkommt.8 Ähnlich die Nörglerin. Befremdlich das Mädchen, das sich selbst­zerstörerisch an Freundin und Mutter rächt.9

In der vorliegenden Sammlung ergänzen sich Zeitalter, Sichtweise und bizarres Verhalten zur eindringlichen Schleheckschen Erzähl­atmosphäre. Eine Ebene höher schwingt nicht selten eine Metaversion: Der Schokoladenweihnachtsmann fungiert in paralleler Deutung als Erektion. Krause Gedanken implizieren Schamhaar – im Kontext der Story ein abstoßendes Bild, die Rasur ein Betrug. Der Rächer enttarnt sich als mitschuldig, will er den Toten rächen oder den Verlust seines Vergnügens? Selbst an der herzerfrischenden Schoko-Erotikerin verstört die Heftigkeit ihrer Leidenschaft.

Vorsicht: Keine Lektüre für harmonieliebende Gemüter, einige dieser Storys klingen nach. Umso frappierender der Kontrast zur sympathischen Erscheinung der Oberstudienrätin Schleheck. Herrlich überzeugend ihre harmlose Stimme beim Vortrag von Mein Frank, der Geschichte einer blindwütig naiven Mutter, enthalten in Klappe zu – Balg tot. Gewendete Spiegelung des Buchs in einer metallenen Klappe Einprägsamer Titel, sein Humor passt und punktet. Mit diesen rund 140 Seiten präsentiert der Hagener Cenarius-Verlag einen Einblick in Schlehecks Kunst.10 Privat weiß die Autorin vier Söhne und eine Tochter zu bändigen.11

Zu den Fotos: Wappnen Sie sich gegen Betroffenheit, keins meiner Bilder zeigt die richtige Klappe. In der Titelgeschichte kommt eine Schuldige zu Wort, die “Kreatur” wird nicht verurteilt für ihre Tat. Den ersten Hinweis auf die übergeordnete Lesart gibt Schleheck hier mit dem Datum, dem Vierundzwanzigsten – ebensoviele bitterböse Kurzgeschichten enthält das Buch. Bewertungstechnisch grenzt das schon an Statistik, anbei die Hettensche Meinung in Zahlen:12

Nur zwei von vierundzwanzig, ein überwältigendes Ergebnis. Noch besser als die geniale Anthologie Mordsmütter.13 Fazit: Lesen und erschauern – wenn Sie sich trauen. Barny Schött hat sich nicht getraut …14

*** Anhang ***

Meine Highlights unter so vielen, quasi die highesten Lights:

  • Wenn der Postbote zweimal klingelt (Schoko-Erotik)
  • Mein Frank (Ein Wonneproppen)
  • Sonne auf der Hoteltapete (Traurig-schön, doch dann …)
  • Hallo Taxi! (Wilmaaa!)
  • Überlebenstechnik (Aus dem Tagebuch eines jugendlichen Unsympathen)
  • Schweinigeleien (Gna!)

  1. Imho ein treffendes Synonym für das Ruhrgebiet, mal subjektiv vom Westrand der Republik her betrachtet. []
  2. Nebst Literatur produziert Schleheck in den Bereichen Drehbuch, Hörspiel und Theater, ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. []
  3. Statistisch exakt: Zu zwei Dritteln []
  4. Mitunter so überzeugend, dass ich die Figur als Gegenüber wahrnehme und auch schon mal beschimpfe []
  5. Raffiniertes Kreiskonstrukt []
  6. Manches darin ermöglicht erst seine Nichtexistenz. Eine Verwandte hat mir einst erzählt, wie sie auf die erste Monatsblutung vorbereitet worden ist: Ganz ähnlich, nur dass sie eine Generation vor Schleheck geboren war und sich ihre Einlagen selbst häkeln musste. Bis heute denke ich mit leisem Grauen daran, wie alleingelassen sie sich gefühlt haben muss. []
  7. Laut Danksagung von Ernst Wurdack. “Oh wie schön ist Paslama” zum Beispiel passt leider nicht dazu. Dem urkomisch beschriebene Reiseversuch fehlt das fiese Element. Dafür ist er eines der – sorry, imho nur sieben – Highlights in Noch mehr Schoten – Neue Geschichten aus’m Pott. []
  8. Mich jedenfalls macht sie aggressiv, diese Tusnelda von Ehefrau. Was muss sie den armen Kerl denn gleich … Andere werden Genugtuung empfinden. []
  9. Meine Deutung der Geschichte. Frage mich noch immer, ob die etwa mit dem Penner …? []
  10. Oder Abgründe? Bin mir da nicht ganz sicher. []
  11. Selbige mögen mein Verb belächeln. []
  12. Die ausführliche, dafür etwas unübersichtliche und ungeheuer todernst gemeinte Auflistung meiner Spontankommentare finden Sie im Anhang als Grafik []
  13. Mit Storys von neunundzwanzig Autor/inn/en, wie zum Beispiel Jutta Maria Herrmann (2), Myk Jung, Kerstin Lange, Harry Michael Liedtke, Ingrid Noll (2), Thomas Nommensen und Regina Schleheck (2, Mitherausgeberin) []
  14. Die Lektüre von Weichei wird Ihnen diese Bemerkung erhellen. Typisch Schleheck mal wieder, dass der Penner ein rohes Ei verzehrt … []

Oktoberpilze

Freitag, 19. Oktober 2012

Pilzfotos aus dem Wald zwischen Trier und Sirzenich. Bis auf den einen ohne Namen, mit Pilzen kenne ich mich nicht aus. Statt ihre inneren Werte zu erforschen, fand ich sie bloß schön und habe hemmungslos geknipst.

Deutsches Bergbaumuseum Bochum: Fördertum Germania

Montag, 15. Oktober 2012

Anfang August 2011 durfte ich in Heike Wulfs Wortcafé lesen, die Bochumer Ausgabe findet in der Mayerschen Buchhandlung1 statt. Gemeinsam mit anderen Autor/inn/en haben wir unsere Anthologie “Der himmelblaue Schmengeling” vorgestellt. Tags darauf zog es mich zum Deutschen Bergbaumuseum, alles Weitere erzählen die Bildunterschriften.2

  1. Filiale Kortumstraße []
  2. Fotos veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Bergbaumuseums []

Armin Sengbusch: Das Chamäleon

Donnerstag, 20. September 2012

Für eilige Leser
Am Anfang war der Perfektionist, ein schräger Charakter unter dem Stern des Unguten. Die Begegnung mit dem Chaoten bedroht seine starre Welt … oder doch die Frau im roten Auto?
Ein überraschend naiv erzählter Roman von Werdegang und Kreuzungspunkten zweier Killer, spannend und ratzfatz weggelesen.

Für Hettenwerkfans
Wochenlang habe ich mich um die Lektüre gedrückt, denn auf dem 84. Poetry Slam in Trier saß ich Schriftstehler zu Füßen. Der bundesweit bekannte Slammer ist eine der Inkarnationen von Armin Sengbusch. Ein Buch von diesem Mann würde ich womöglich nicht kapieren, spülschichtdumm.

Daher mein Eindruck “erstaunlich naiv”, als ich es dann doch nach einer Schicht las. Las und las, am ersten Abend das halbe Buch und tags darauf bis zur rückseitigen Klappeninfo.1 Bis zur Kurzinfo mit dem Sengbuschsatz »Ich bin nur die Zundschnur zu den Bomben in den Köpfen anderer.« Die sind denn auch alle hochgegangen. Gemächlich, Spülschicht macht eben dumm. Doch es wurden immer mehr.

Alexander Kewitz
Der Ich-Erzähler trägt den Namens eines Feldherrn. Der Autor: Arminius, Cheruskerfürst.2
Alexanders Nach­name interpretierte ich prompt als „Keen Witz“.3 Unbe­darft stolpert er in das neue Spiel, Killer durch Zufall, ausge­stattet mit nichts weiter als IQ und Spaß daran. Alex, der sich von der Liebe zu einer Frau umnieten lässt, in dessen Auto Stefan Stoppok dröhnt.4 Der immer planmäßiger agiert, der das Geld haben will und seine Eltern liebt. Der aus Scham vor der Familie, wegen der ständigen Kämpfe mit seinem Gewissen – den Verführer wegzu­schicken versucht, der dreimal Nein sagen muss wie im Märchen, jedes Mal wird es schwieriger. Trotz allem, ja, doch: Ein ganz normaler Typ.

Richard von Bargen
Über den fieskranken Killer berichtet ein allwissender Erzähler. Von Bargen – ein häufiger Name in Hamburg, sagt Google.5 Seit Teenagertagen hat sich Richard auf das Verbrecherleben vorbe­reitet, Geld spielt keine Rolle, er will seine Eltern quälen. Einer wie Alex kann und darf ihm nicht in die Quere kommen. Ihm, Richard, der als hochtalentiert gilt, optimal trainiert, phänomenal wandelbar, wie ein Chamäleon … der Beste. Der sich den Killerjob selbst an Land zieht, der mit Frauen nicht mal Blicke tauschen mag. Der innere Kälte züchtet, Milch trinkt,6 nächtelang Gary Numan lauscht.7 Richard, blind vor Überheb­lichkeit, vorhersagbar in seinen Zwängen, zunehmend außer Kontrolle …

Dimensionen
Mir ist bange um den Cha­oten, bange vor dem Chamäleon. Ein Zwiespalt: Wenn der perfekte Killer mit dem aufgeblasenen Dumm­kopf konfrontiert wird, scheint er mir an den Dep­pen fast verschwendet.
Das Morden selbst … die Killer erhalten sehr viele Aufträge, morden den Frie­den im Landesnorden. Dazu die mickrigen Honorare: 3000 Mark für einen Mord? Nee, nicht hierzulande.8 Das Chamäleon, psycho crime fiction? Jedenfalls ein Lesespaß der mehrdeutigen Art. – Alles Unsinn? Lesen Sie selbst …

… oder sehen Sie selbst: Bücher erstrecken sich heute über mehrere Dimensionen, Richard von Bargen ist bei Facebook. Das von Bargensche Lächeln trägt Schriftstehler durch die Welt. Spannend auch das Spiel mit dem Wahrheitsgehalt des Romans9 – Sengbusch wird doch nicht wirklich …?

Die Aufträge
Alex empfängt seine Aufträge durch den Postboten, freundlicher Versucher. Sie kommen in Päckchenform, wie seine geliebten Com­puterspiele. Unterschiedliche Herangehensweisen: Richard fragt bei Werner nach, seinem Kontaktmann, tarnt selbst seinen Namen.
Aus tödlicher Langeweile fanden diese jungen Männer zur selben Profession. Selbstüberschätzung, die Sucht nach dem Kick, schon bald halten sich beide für Helden der dunklen Art. Und werden doch nur von ihren Organisationen gesteuert.

Die Hintermänner leiten die Aufträge lediglich weiter, spä­hen die Opfer aus: Den Lehrer, er spielt Volleyball, den Familienvater, der Skat mag, den mürrisch wirkenden Rentner, den Polizis­ten mit der angenehmen Stimme. Alltägliche Opfer – verstörendes Bild: Dieser Tod kann jeden treffen. Er kostet nicht mal viel, kommt ohne Begründung,10 bis einer der Auftraggeber eine Stimme erhält. Dieser Spediteur sorgt für den ersten fatalen Kreuzungspunkt der Wege von Richard und Alex.11 Nie nehmen sie sich gleichzeitig wahr, so als könne nur einer zur Zeit existieren. Trotzdem nähern sie sich einander an.12

Kritik
Während in der ersten Hälfte der Romans nur einmal kurz Werners13 Perspektive aufblitzt, häufen sich nach dem Auftritt des Spediteurs die Sichtweisen anderer Protagonisten auf Richard. Gegen Ende gibt es Querelen in der Organistaion um Werner, der Leser schaut all diesen Leuten in den Kopf. Bisweilen wechselt die erlebende Person mehrmals innerhalb eines Absatzes, das irritiert schon mal. Eigentlich genügen die Stimmen von Alex, die des Richard-Erzählers, und später die von Werner.14 Indes managen auch mehrfache Bestsellerautoren ihre Perspektiven auf diese Weise.

Schlusswort
Sollten Sie beim Schriftstehler mal einbrechen: Unbedingt nach einer alten Keksdose Ausschau halten, oder nach einer für Kakao oder Lebkuchen.

  1. Bis zur Werbung für Sandra Baumgärtners Seraphim – Carpe Noctem. So anders, und doch im selben Verlag erschienen. []
  2. Beider Werdegang. Blaue Augen allenthalben und andere Ähnlichkeiten. []
  3. Keen = kein, Hamburger Platt []
  4. Alex in Übereinstimmung mit Catharina: Stoppok hat eine nölige Stimme. Nölig? Habe den Liedermacher bei Youtube gesucht, sang danach drei Tage lang „Er war cu-hu-huhul aus Zufall“. []
  5. Meine Fantasie will unbedingt “verborgen” daraus basteln. Zu weit hergeholt? []
  6. Kälte statt Catharina. Milch, Alex mag den schwarzen Kaffee nicht, gern aber Kakao, Richards Kakaodose … []
  7. Außerirdisch anmutende Musik, kenne einige seiner Lieder noch aus den 80ern. Wiederentdeckt vor wenigen Tagen, durch die Lektüre des “Chamäleon”. Mag sie fast lieber als damals, zumal ich heute die Texte verstehe: I, assassin []
  8. Ich frage den Gefährten, der lächelt schief und nickt: Doch, doch. – Ähm? Ach was, der gibt doch nur an. Ich bleibe ungläubig, schon um meines Seelenfriedens willen. Damit will ich Sengbusch keineswegs absprechen, zu Übeltaten fähig zu sein. Nur eben nicht in dieser Form. []
  9. Macht Spaß. In Derangiert durch die Stadt erzählt Inga Hetten vom skurrilen Ende ihrer Ehe mit dem Banker Harry Hetten. Ich erhielt mehrere Anfragen zum autobiografischen Anteil dieser Geschichte. []
  10. Ich denke an Kafkas allgegenwärtiges und doch nicht greifbares Gericht und lasse es wieder. []
  11. Insgesamt sind es fünf, beginnend mit der Fastbegegnung beim alten Waffenhändler. []
  12. Die Umzüge – dritter Stock hier, dritter Stock da. Ihre Entwicklung, Training hier, Irrtum da. []
  13. Richards Kontaktmann []
  14. Diese Erzählweise, behaupte ich, lässt den Roman authentisch wirken. Wie einen Text, den sich der Autor tatsächlich von der Seele geschrieben hat, vor Jahren, ohne an eine Veröffentlichung zu denken. []

Trierer Viezfest 2012

Mittwoch, 29. August 2012

Nur mal eben einkaufen wollte ich letzten Samstag. Vom ersten Trierer Viezfest1 hatte ich zwar gelesen, vormittags indes noch nicht mit sowas gerechnet. Doch da lag es, unter den künstlich verstüm­melten Bäumchen des Domfreihofs, den wir von der Windstraße her betraten.

Letztere machte ihrem Namen alle Ehre. Beharrlich strebten wir gen Bei-O-Gait, kämpften uns aus dem zielgerichtet die Dachschnitt­platanen beliefernden Windkanal. Sonst hätten der Gefährte und ich den ersten Viez wohl schon um elf gekippt. So aber wurde es halb zwölf,2 und wir wollten auch nur probieren.

Zweieinhalb Stunden später waren wir doch glattweg am Scherf­schen Viez hängengeblieben. Mussten dann endlich die Einkäufe nach Hause bringen, ein Häppchen essen und uns was überziehen.3 Der eher frische Wind wirbelte immer wieder Wolken hellen Staubes über den mit Kalksplitt befestigten Platz, trotzdem fanden wir es dort auch nach unserer Rückkehr gemütlich.4

So blieben wir denn bis zur Dämmerung, es mag am Viez gelegen haben. Oder an den Darbietungen der Musikanten: Bänkelsänger Andreas Sittmann und zwei Mitglieder der Gruppe Pipes ‘n’ Strings zogen im Wechsel durchs porzenstem­mende5 Volk. Dazwischen spielte CityRadio Trier Lieder ab, erzählte uns unermüdlich, wo wir uns befanden,6 und befragte den einen oder anderen Besucher.

Moderator: “Wie lange sind Sie schon auf dem Trierer Viezfest?”
Gast [erstaunt]: “Schon seit elf Uhr. Hört man das denn nicht?”

Vielleicht lag es auch an den vielen Viezfreundinnen und -freunden, deren Zahl sich gerüchtehalber auf dreitausend belaufen haben soll. Alle mehr oder weniger eingestaubt und ausnahmslos guter Dinge.

Das Video zeigt das Stück Andro Set7 von Pipes ‘n’ Strings. Hochgeladen auf YouTube,8 mit freundlicher Genehmigung der Künstler.

Mehr dazu:

  1. Veranstaltet von der Trierer Viezbruderschaft – eine schier überfällige Idee. Vielen Dank dafür! []
  2. Noch immer nicht die Uhrzeit, zu der mich üblicherweise nach Alkohol gelüstet. []
  3. Natürlich gab es auch etwas zu essen auf dem Viezfest: Dibbelabbes und Teerdich. Ob dieser Bezeichnungen misstrauische Gäste konnten auf Rostwürste zurückgreifen. []
  4. Trotz der verkrüppelten Bäumchen. Einst standen hier mächtige Platanen — was glauben Sie, wie gemütlich das erst war! Angeblich krank, fielen sie der Anlage eines kirchlichen Aufmarschplatzes zum Opfer. – Huch, meine Lästerzunge. Ich meine natürlich: Der aus architektonischer Sicht wertvollen Umgestaltung des Domfreihofs. []
  5. Als “Viez” bezeichnen die Moselfranken ihren bemerkenswert herben Apfelwein. Eine Viezporz ist ein Henkelkrug aus weißem Porzellan, traditionell fasst er 0,4 l. Aus der Porz schmeckt Viez am besten. []
  6. Nebeneffekt einer Livesendung []
  7. Abfolge mehrerer Andros, das sind französische traditionelle Folk-Tänze []
  8. Erwarten Sie kein filmisches Wunderwerk. Ich hab’s für den Spaß aufgenommen und sehe bekanntlich schlecht. Leider kommt Youtube mit dem Hochformat nicht so gut klar, es schneidet meinen Film oben und unten ab. []

[Beitrag umgezogen]

Sonntag, 21. März 2010

Sie finden den Text “Das aktuelle Tankauto-Inserat” im Verweser-Weblog.