Für eilige Leser
Am Anfang war der Perfektionist, ein schräger Charakter unter dem Stern des Unguten. Die Begegnung mit dem Chaoten bedroht seine starre Welt … oder doch die Frau im roten Auto?
Ein überraschend naiv erzählter Roman von Werdegang und Kreuzungspunkten zweier Killer, spannend und ratzfatz weggelesen.
Für Hettenwerkfans
Wochenlang habe ich mich um die Lektüre gedrückt, denn auf dem 84. Poetry Slam in Trier saß ich Schriftstehler zu Füßen. Der bundesweit bekannte Slammer ist eine der Inkarnationen von Armin Sengbusch. Ein Buch von diesem Mann würde ich womöglich nicht kapieren, spülschichtdumm.
Daher mein Eindruck “erstaunlich naiv”, als ich es dann doch nach einer Schicht las. Las und las, am ersten Abend das halbe Buch und tags darauf bis zur rückseitigen Klappeninfo. Bis zur Kurzinfo mit dem Sengbuschsatz »Ich bin nur die Zundschnur zu den Bomben in den Köpfen anderer.« Die sind denn auch alle hochgegangen. Gemächlich, Spülschicht macht eben dumm. Doch es wurden immer mehr.
Alexander Kewitz
Der Ich-Erzähler trägt den Namens eines Feldherrn. Der Autor: Arminius, Cheruskerfürst.
Alexanders Nachname interpretierte ich prompt als „Keen Witz“. Unbedarft stolpert er in das neue Spiel, Killer durch Zufall, ausgestattet mit nichts weiter als IQ und Spaß daran. Alex, der sich von der Liebe zu einer Frau umnieten lässt, in dessen Auto Stefan Stoppok dröhnt. Der immer planmäßiger agiert, der das Geld haben will und seine Eltern liebt. Der aus Scham vor der Familie, wegen der ständigen Kämpfe mit seinem Gewissen – den Verführer wegzuschicken versucht, der dreimal Nein sagen muss wie im Märchen, jedes Mal wird es schwieriger. Trotz allem, ja, doch: Ein ganz normaler Typ.
Richard von Bargen
Über den fieskranken Killer berichtet ein allwissender Erzähler. Von Bargen – ein häufiger Name in Hamburg, sagt Google. Seit Teenagertagen hat sich Richard auf das Verbrecherleben vorbereitet, Geld spielt keine Rolle, er will seine Eltern quälen. Einer wie Alex kann und darf ihm nicht in die Quere kommen. Ihm, Richard, der als hochtalentiert gilt, optimal trainiert, phänomenal wandelbar, wie ein Chamäleon … der Beste. Der sich den Killerjob selbst an Land zieht, der mit Frauen nicht mal Blicke tauschen mag. Der innere Kälte züchtet, Milch trinkt, nächtelang Gary Numan lauscht. Richard, blind vor Überheblichkeit, vorhersagbar in seinen Zwängen, zunehmend außer Kontrolle …
Dimensionen
Mir ist bange um den Chaoten, bange vor dem Chamäleon. Ein Zwiespalt: Wenn der perfekte Killer mit dem aufgeblasenen Dummkopf konfrontiert wird, scheint er mir an den Deppen fast verschwendet.
Das Morden selbst … die Killer erhalten sehr viele Aufträge, morden den Frieden im Landesnorden. Dazu die mickrigen Honorare: 3000 Mark für einen Mord? Nee, nicht hierzulande. Das Chamäleon, psycho crime fiction? Jedenfalls ein Lesespaß der mehrdeutigen Art. – Alles Unsinn? Lesen Sie selbst …
… oder sehen Sie selbst: Bücher erstrecken sich heute über mehrere Dimensionen, Richard von Bargen ist bei Facebook. Das von Bargensche Lächeln trägt Schriftstehler durch die Welt. Spannend auch das Spiel mit dem Wahrheitsgehalt des Romans – Sengbusch wird doch nicht wirklich …?
Die Aufträge
Alex empfängt seine Aufträge durch den Postboten, freundlicher Versucher. Sie kommen in Päckchenform, wie seine geliebten Computerspiele. Unterschiedliche Herangehensweisen: Richard fragt bei Werner nach, seinem Kontaktmann, tarnt selbst seinen Namen.
Aus tödlicher Langeweile fanden diese jungen Männer zur selben Profession. Selbstüberschätzung, die Sucht nach dem Kick, schon bald halten sich beide für Helden der dunklen Art. Und werden doch nur von ihren Organisationen gesteuert.
Die Hintermänner leiten die Aufträge lediglich weiter, spähen die Opfer aus: Den Lehrer, er spielt Volleyball, den Familienvater, der Skat mag, den mürrisch wirkenden Rentner, den Polizisten mit der angenehmen Stimme. Alltägliche Opfer – verstörendes Bild: Dieser Tod kann jeden treffen. Er kostet nicht mal viel, kommt ohne Begründung, bis einer der Auftraggeber eine Stimme erhält. Dieser Spediteur sorgt für den ersten fatalen Kreuzungspunkt der Wege von Richard und Alex. Nie nehmen sie sich gleichzeitig wahr, so als könne nur einer zur Zeit existieren. Trotzdem nähern sie sich einander an.
Kritik
Während in der ersten Hälfte der Romans nur einmal kurz Werners Perspektive aufblitzt, häufen sich nach dem Auftritt des Spediteurs die Sichtweisen anderer Protagonisten auf Richard. Gegen Ende gibt es Querelen in der Organistaion um Werner, der Leser schaut all diesen Leuten in den Kopf. Bisweilen wechselt die erlebende Person mehrmals innerhalb eines Absatzes, das irritiert schon mal. Eigentlich genügen die Stimmen von Alex, die des Richard-Erzählers, und später die von Werner. Indes managen auch mehrfache Bestsellerautoren ihre Perspektiven auf diese Weise.
Schlusswort
Sollten Sie beim Schriftstehler mal einbrechen: Unbedingt nach einer alten Keksdose Ausschau halten, oder nach einer für Kakao oder Lebkuchen.