Beim Gothic Friday geht es darum, einen Beitrag zum monatlich vorgegebenen Thema abzulierfern. Näheres dazu schreibt sein Erfinder Robert im Weblog „Spontis“.
Zum Lesen meiner Fußnoten einfach die Zahl mit dem Mauszeiger berühren. Oder sich das Gelaber sparen – die Fußnoten dienen der Kürzung des Textes. ;)
Wenn ich über einen speziellen schwarzen Lebensstil nachdenke, fällt mir automatisch Viktorianisches ein. Doch das passt so gar nicht zu Lack, Leder und EBM, welche Attribute ich wiederum spontan mit „Gothic“ assoziiere.
Zum Grufti wiederum scheint mir Wein zu gehören. Ich bevorzuge Bier. Wenn mir danach ist, trinke ich schon mal einen Riocha, Rosé1 oder Elbling. Aber nicht etwa, um einen Lebensstil zu pflegen. Ich wandere auch über Friedhöfe, bevorzugt nach dem Einkaufen. Denke mir flüchtige Geschichten aus zu vernachlässigten Gräbern, beobachte im Vorübergehen Menschen bei der Grabpflege.2 Auch das ist nicht Teil des Lebensstils, sondern bloß der weitere, dafür angenehmere Heimweg.
Vermutlich gibt es Gothics, die sich spezielle „Gothic“-Verhaltensweisen eigens angewöhnen, bei mir war es umgekehrt: Diese in der Vorbemerkung kommentierten New Waver (später Dark Waver), ihre Musik und ihre Marotten – die haben mich damals angezogen, weil ich das mochte, schön fand, selbst so war. Im Nachhinein kommt mir das Schwarzkitteltum vor wie für mich erfunden.
Den Schwarzanteil meiner Lebensweise habe ich nie reflektiert. Worin mag der liegen … am Auffälligsten ist sicher das Äußere. Eine Friseurfrisur, Modell „brave Ehefrau mit tüchtigem Ehemann und zwei Kindern“, die ist für mich eine so blanke Horrorvorstellung wie für andere die Glatze, die ich ihr jederzeit vorziehe.3 So bin ich nicht, jeder soll das auf den ersten Blick sehen.
Die Farbe Schwarz in allen erdenklichen Abstufungen zeichnet meine Kleidung aus, nebst ein wenig Grau und rotlastigem Schottenkaro. Fast all mein Kram ist abgetragen als Ergebnis des natürlichen Alterungsprozesses. Ich mag das gern. Wenn ich bereits dies und jenes ausgebessert, entfernt oder hinzugefügt habe, schmiegt sich Kleidung vertraut an den Körper. Am liebsten Baumwolle, Leder, Wolle und Lack. Das Gammelige scheint mir allerdings eher ein Punkelement zu sein.4
Nicht immer muss alles schwarz sein, ich mag zum Beispiel einfarbig bunte Handtücher. Oder ein grünes Hörnchen an der Schädelflanke, manchmal läuft es rot an. Doch bunt zusammengestellte Kleidung empfinde ich als wischiwaschi, undefinierbar. So will ich mich nicht sehen.
Viele meiner Möbelstücke stammen vom Sperrmüll. Leute kaufen in Ladenketten hässlichen Schund, stellen Vollholzmöbel zum Müll.5 Seinerzeit war es mir wichtig, diese Fundstücke und auch Türen, Fußleisten etc. schwarz zu lackieren. Inzwischen schreibe ich lieber, reiner Zeitmangel.
Was gehört noch zum Schwarzsein – vielleicht das Einzelgängertum. Auf dem Wave-Gotik-Treffen war ich nie, mag nicht hunderte von Kilometern reisen und (für mich) sehr viel Geld ausgeben, nur um dann in einen quietschbunten Pulk einzutauchen. Auf den kleinen Trierer Feten tummelt sich schwärzeres Volk.6
Zur Musik, viele der altvertrauten Szenelieder sind auf all den Feten und durch Radiosender zu Tode gedudelt worden. Im Übrigen mag ich es heute härter als vor 20 Jahren, und das Geplärr der üblichen Radiosender ist mir unerträglich.7 Was ich vermisse, ist Musik hören über die Stereoanlage, bei Kerzenschein und Räucherwerk.8 Und ich bin Grufti genug, um mir manchmal bewusst Lieder anzuhören, die mich zum Weinen bringen.9
Was ich nicht als schwarz empfinde ist meine Eigenbrötelei. Unter anderem macht mich Fernsehen aggressiv. Seit meinem Auszug aus dem Elternhaus lebe ich ohne, Kino interessiert mich kaum. Das ewige Getue um die Nahrungsaufnahme geht mir auf den Senkel, es gibt doch wirklich spannendere Themen als die lästige Esserei.10 Ich hasse Weihnachten und all die anderen von Kirche und Konsum pervertierten Feiertage. Keife immer mal wieder gegen die Kirche, kann mit “Heiraten und Kinder großziehen” absolut nichts anfangen.
Sehr viele Menschen ertragen die Stille nicht, ich suche sie. Beim Schreiben kann ich beim besten Willen keine Musik brauchen, mag kein Radiogesülze bei der Arbeit. Renne gern allein im Wald rum.11 In WGs gehe ich zugrunde, bin eine unerträgliche Mitbewohnerin, muss und will alleine wohnen.
Einst las ich sehr viel, inzwischen ist das vom Schreiben überprägt. Ein Buch habe ich stets am Wickel, lese aber ewig daran. Die meisten Buchverfilmungen empfinde ich als Beleidigung, weil sie mir eine dem Massengeschmack angepasste Interpretation und/oder Verfälschung zumuten.12 Beim Schreiben beschränke ich mich nicht auf düstere Themen, dazu bietet das Leben zu viel. Aber ich gerate oft in die Richtung.
Die Sitte des „shopping“ um seiner selbst willen ist mir völlig fremd. Das rührt sicher auch vom kargen Verdienst her, andererseits fehlt mir die Gier nach unnötigem Schnickschnack. Und das in letzter Zeit immer krasser werdende Geschrei von Billiger! und Günstiger! und !!Schnäppchen!! und SIE SPAREEEN!, das kotzt mich an.13
Aus meiner Arbeit in einer Spülküche mache ich keinen Hehl. Hey, ich werd’ dreckig auf der Schicht, lebe kärglich und erhebe das auch noch zum Kult. Mache mir des Weiteren einen Spaß daraus, eine schwarze Klobrille zu besitzen und ein schwarzes Einfachst-Mobilfon. Auf Twitter propagiere ich als Dauergag das #Satanrufen, verfluche Sonntage und sommerliche Sonnenglast.14
Schluss damit, das nimmt ja kein Ende. Ergebnis der Selbstreflexion: Mein Lebensstil ist geprägt vom Schwarzkitteltum, aber längst nicht nur. Dafür gibt „Gothic“ zu wenig her. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass das für manche Menschen tatsächlich ein Lebensstil ist, wie auch immer sie diesen Begriff für sich selbst definieren.
Abschließend zwei Aspekte, die mit beim Sinnieren über einen „Gothic-Lebensstil“ aufgefallen sind:
Es macht einen Unterschied, wo mensch seinen Stil auslebt. In meiner langjährigen Wahlheimat Trier drehen sich noch immer die Leute nach mir um, das kann schon mal nerven. Woanders dagegen falle ich nicht weiter auf, im Ruhrpott zum Beispiel.
Neu ist das fitte Alter: Seinerzeit waren Mittdreißiger eher gesetzte Leute, 60jährige saßen meist grau mit Krücke im Ofenwinkel. Heute hüpft Ü30 in der Disco herum, 60+ hangelt sich an bunten Stöcken durch den Wald. Um es mit Combat Shock zu sagen: Früher hätt’s mich nicht gegeben.15
Mehr zum Thema: Das Resumée dieses Gothic Friday, von Shan Dark und Robert.
- Von der ehemalig Staatlichen Weinbaudomäne Trier, Domäne Avelsbach [↩]
- Betrachte diese Bestattungsform übrigens als aussterbend da überholt. [↩]
- Wobei mich bei Glatze der rechtsradikale Aspekt stört. [↩]
- Die Materialwahl wiederum ist auch meiner Finanzlage geschuldet – vielleicht trüge ich sonst Samt, Seide und Leinen. [↩]
- Holz altert schön, Gebrauchsschäden wie Risse stören nicht. Das Material Plastik ist nicht mein Freund, leider lässte es sich nicht meiden. [↩]
- Dieses Jahr habe ich mir einige WGT-Berichte angesehen. Erstaunlich, wer sich alles als Gothic bezeichnet, nach Leipzig reist und dort peinlicherweise auch noch für die HONK-Zeitung posiert. [↩]
- Auch diese geschulten Sprecherstimmen, die in ihrer immergleichen Betonung von tragischen Unglücken berichten und im selben Atemzug irgendein Sportbla vermelden. [↩]
- Wenn schon, dann laut. Leider ist meine Dachwohnung so hellhörig, dass ich abends den Nachbarn eins tiefer schnarchen höre. Daher benutze ich bloß ab und an den unbequemen Uralt-Kopfhörer über das Notebook. [↩]
- Auch schon mal wochenlang allabendlich. [↩]
- Trotzdem achte ich sehr darauf, was ich esse. [↩]
- Oder schweigend mit dem Bishergefährten. [↩]
- Im Übrigens habe ich wenig Plan vom Medium Film. Sicher gibt es da auch Gelungenes. [↩]
- Da geht Jan-Kevin Jedermann toll im Olldi kaufen, erwirbt miese Qualität, wird fett und lässt sich im Gegenzug als Kurierfahrer für einen Hungerlohn durch die Gegend hetzen. [↩]
- Wobei der aktuell dahinschwindende Sommer über weite Strecken doch ein sehr angenehmer war. [↩]
- Und die Zeit, die Combat Shock da besingen, hätte ich nicht überlebt. [↩]


