Archiv für September 2011

Gothic Friday: Ist Gothic für Dich ein Lebensstil?

Donnerstag, 22. September 2011

Beim Gothic Friday geht es darum, einen Beitrag zum monatlich vorgegebenen Thema abzulierfern. Näheres dazu schreibt sein Erfinder Robert im Weblog „Spontis“.
Zum Lesen meiner Fußnoten einfach die Zahl mit dem Mauszeiger berühren. Oder sich das Gelaber sparen – die Fußnoten dienen der Kürzung des Textes. ;)

Wenn ich über einen speziellen schwarzen Lebensstil nachdenke, fällt mir automatisch Viktorianisches ein. Doch das passt so gar nicht zu Lack, Leder und EBM, welche Attribute ich wiederum spontan mit „Gothic“ assoziiere.

Zum Grufti wiederum scheint mir Wein zu gehören. Ich bevorzuge Bier. Wenn mir danach ist, trinke ich schon mal einen Riocha, Rosé1 oder Elbling. Aber nicht etwa, um einen Lebensstil zu pflegen. Ich wandere auch über Friedhöfe, bevorzugt nach dem Einkaufen. Denke mir flüchtige Geschichten aus zu vernachlässigten Gräbern, beobachte im Vorübergehen Menschen bei der Grabpflege.2 Auch das ist nicht Teil des Lebensstils, sondern bloß der weitere, dafür angenehmere Heimweg.

Vermutlich gibt es Gothics, die sich spezielle „Gothic“-Ver­haltensweisen eigens angewöhnen, bei mir war es umgekehrt: Diese in der Vorbemerkung kommentierten New Waver (später Dark Waver), ihre Musik und ihre Marotten – die haben mich damals angezogen, weil ich das mochte, schön fand, selbst so war. Im Nachhinein kommt mir das Schwarzkitteltum vor wie für mich erfunden.

Den Schwarzanteil meiner Lebensweise habe ich nie reflektiert. Worin mag der liegen … am Auffälligsten ist sicher das Äußere. Eine Friseurfrisur, Modell „brave Ehefrau mit tüchtigem Ehemann und zwei Kindern“, die ist für mich eine so blanke Horrorvorstellung wie für andere die Glatze, die ich ihr jederzeit vorziehe.3 So bin ich nicht, jeder soll das auf den ersten Blick sehen.

Die Farbe Schwarz in allen erdenklichen Abstufungen zeichnet mei­ne Kleidung aus, nebst ein wenig Grau und rotlastigem Schotten­karo. Fast all mein Kram ist abgetragen als Ergebnis des natürlichen Alterungsprozesses. Ich mag das gern. Wenn ich bereits dies und jenes ausgebessert, entfernt oder hinzugefügt habe, schmiegt sich Kleidung vertraut an den Körper. Am liebsten Baumwolle, Leder, Wolle und Lack. Das Gammelige scheint mir allerdings eher ein Punkelement zu sein.4

Nicht immer muss alles schwarz sein, ich mag zum Beispiel einfarbig bunte Handtücher. Oder ein grünes Hörnchen an der Schädelflanke, manchmal läuft es rot an. Doch bunt zusammengestellte Kleidung empfinde ich als wischiwaschi, undefinierbar. So will ich mich nicht sehen.

Viele meiner Möbelstücke stammen vom Sperrmüll. Leute kaufen in Ladenketten hässlichen Schund, stellen Vollholzmöbel zum Müll.5 Seinerzeit war es mir wichtig, diese Fundstücke und auch Türen, Fußleisten etc. schwarz zu lackieren. Inzwischen schreibe ich lieber, reiner Zeitmangel.

Was gehört noch zum Schwarzsein – vielleicht das Einzelgänger­tum. Auf dem Wave-Gotik-Treffen war ich nie, mag nicht hunderte von Kilometern reisen und (für mich) sehr viel Geld ausgeben, nur um dann in einen quietschbunten Pulk einzutauchen. Auf den kleinen Trierer Feten tummelt sich schwärzeres Volk.6

Zur Musik, viele der altvertrauten Szenelieder sind auf all den Feten und durch Radiosender zu Tode gedudelt worden. Im Übrigen mag ich es heute härter als vor 20 Jahren, und das Geplärr der üblichen Radiosender ist mir unerträglich.7 Was ich vermisse, ist Musik hören über die Stereoanlage, bei Kerzenschein und Räucherwerk.8 Und ich bin Grufti genug, um mir manchmal bewusst Lieder anzuhören, die mich zum Weinen bringen.9

Was ich nicht als schwarz empfinde ist meine Eigenbrötelei. Unter anderem macht mich Fernsehen aggressiv. Seit meinem Auszug aus dem Elternhaus lebe ich ohne, Kino interessiert mich kaum. Das ewige Getue um die Nahrungsaufnahme geht mir auf den Senkel, es gibt doch wirklich spannendere Themen als die lästige Esserei.10 Ich hasse Weihnachten und all die anderen von Kirche und Konsum pervertierten Feiertage. Keife immer mal wieder gegen die Kirche, kann mit “Heiraten und Kinder großziehen” absolut nichts anfangen.

Sehr viele Menschen ertragen die Stille nicht, ich suche sie. Beim Schreiben kann ich beim besten Willen keine Musik brauchen, mag kein Radiogesülze bei der Arbeit. Renne gern allein im Wald rum.11 In WGs gehe ich zugrunde, bin eine unerträgliche Mitbewohnerin, muss und will alleine wohnen.

Einst las ich sehr viel, inzwischen ist das vom Schreiben überprägt. Ein Buch habe ich stets am Wickel, lese aber ewig daran. Die meisten Buchverfilmungen empfinde ich als Beleidigung, weil sie mir eine dem Massengeschmack angepasste Interpretation und/oder Verfälschung zumuten.12 Beim Schreiben beschränke ich mich nicht auf düstere Themen, dazu bietet das Leben zu viel. Aber ich gerate oft in die Richtung.

Die Sitte des „shopping“ um seiner selbst willen ist mir völlig fremd. Das rührt sicher auch vom kargen Verdienst her, andererseits fehlt mir die Gier nach unnötigem Schnickschnack. Und das in letzter Zeit immer krasser werdende Geschrei von Billiger! und Günstiger! und !!Schnäppchen!! und SIE SPAREEEN!, das kotzt mich an.13

Aus meiner Arbeit in einer Spülküche mache ich keinen Hehl. Hey, ich werd’ dreckig auf der Schicht, lebe kärglich und erhebe das auch noch zum Kult. Mache mir des Weiteren einen Spaß daraus, eine schwarze Klobrille zu besitzen und ein schwarzes Einfachst-Mobilfon. Auf Twitter propagiere ich als Dauergag das #Satanrufen, verfluche Sonntage und sommerliche Sonnenglast.14

Schluss damit, das nimmt ja kein Ende. Ergebnis der Selbstreflexion: Mein Lebensstil ist geprägt vom Schwarzkitteltum, aber längst nicht nur. Dafür gibt „Gothic“ zu wenig her. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass das für manche Menschen tatsächlich ein Lebensstil ist, wie auch immer sie diesen Begriff für sich selbst definieren.

Abschließend zwei Aspekte, die mit beim Sinnieren über einen „Gothic-Lebensstil“ aufgefallen sind:
Es macht einen Unterschied, wo mensch seinen Stil auslebt. In meiner langjährigen Wahlheimat Trier drehen sich noch immer die Leute nach mir um, das kann schon mal nerven. Woanders dagegen falle ich nicht weiter auf, im Ruhrpott zum Beispiel.
Neu ist das fitte Alter: Seinerzeit waren Mittdreißiger eher gesetzte Leute, 60jährige saßen meist grau mit Krücke im Ofenwinkel. Heute hüpft Ü30 in der Disco herum, 60+ hangelt sich an bunten Stöcken durch den Wald. Um es mit Combat Shock zu sagen: Früher hätt’s mich nicht gegeben.15

Mehr zum Thema: Das Resumée dieses Gothic Friday, von Shan Dark und Robert.

  1. Von der ehemalig Staatlichen Weinbaudomäne Trier, Domäne Avelsbach []
  2. Betrachte diese Bestattungsform übrigens als aussterbend da überholt. []
  3. Wobei mich bei Glatze der rechtsradikale Aspekt stört. []
  4. Die Materialwahl wiederum ist auch meiner Finanzlage geschuldet – vielleicht trüge ich sonst Samt, Seide und Leinen. []
  5. Holz altert schön, Gebrauchsschäden wie Risse stören nicht. Das Material Plastik ist nicht mein Freund, leider lässte es sich nicht meiden. []
  6. Dieses Jahr habe ich mir einige WGT-Berichte angesehen. Erstaunlich, wer sich alles als Gothic bezeichnet, nach Leipzig reist und dort peinlicherweise auch noch für die HONK-Zeitung posiert. []
  7. Auch diese geschulten Sprecherstimmen, die in ihrer immergleichen Betonung von tragischen Unglücken berichten und im selben Atemzug irgendein Sportbla vermelden. []
  8. Wenn schon, dann laut. Leider ist meine Dachwohnung so hellhörig, dass ich abends den Nachbarn eins tiefer schnarchen höre. Daher benutze ich bloß ab und an den unbequemen Uralt-Kopfhörer über das Notebook. []
  9. Auch schon mal wochenlang allabendlich. []
  10. Trotzdem achte ich sehr darauf, was ich esse. []
  11. Oder schweigend mit dem Bishergefährten. []
  12. Im Übrigens habe ich wenig Plan vom Medium Film. Sicher gibt es da auch Gelungenes. []
  13. Da geht Jan-Kevin Jedermann toll im Olldi kaufen, erwirbt miese Qualität, wird fett und lässt sich im Gegenzug als Kurierfahrer für einen Hungerlohn durch die Gegend hetzen. []
  14. Wobei der aktuell dahinschwindende Sommer über weite Strecken doch ein sehr angenehmer war. []
  15. Und die Zeit, die Combat Shock da besingen, hätte ich nicht überlebt. []

Altgruftipunk

Mittwoch, 21. September 2011

(Vorbemerkung zum Gothic-Friday, einem Projekt vom Spontis-Weblog)

„Bist du einer von diesen Gothics?“
„Nö. Ich bin ein Altgruftipunk.“

Am Begriff Gothic störe ich mich, fühle mich nicht zugehörig, ohne indes adäquaten Ersatz liefern zu können. Am ehesten gefällt mir noch die Umschreibung „schwarz sein“, doch sie ist missver­ständlich und wenig gebräuchlich.
Altgruftipunk soll verdeutlichen, dass meine Wurzeln in den Achtzigern liegen. Altgruftis, die entstehen heute nicht mehr, und damals hat es noch keine gegeben.

„New Wave“ hieß das 1988, zumindest in Saarbrücken und der weiteren Umgebung. Wir waren Waver, Schwarzkittel, Gruftis, und wir sympathisierten mit Punks. Auf der Straße und in den Discos, die „auch Wave spielten“, erkannte man Gleichgesinnte an Frisur, Kleidung und am Wissen. Ganz ohne Internet.

Diese drei Merkmale existierten in allen erdenklichen Kombinationen: Vom planlosen Wochenendwaver mit Bravhaarschnitt, der nach einem halben Jahr zum Popper mutiert ist, über den unscheinbaren Auskenner mit ver­schärfter Platten-, Poster- und Konzertkarten­sammlung bis hin zum anmaßenden Obergrufti.1

Läden mit krachneuem, vorgefertigtem Gothic-Kram gab es noch nicht. Es galt, in den Winkeln normaler Geschäfte einzelne Fund­stücke aufzustöbern, oder zumindest halbwegs Brauchbares. Es galt, das dann selbst in die „richtige“ Fasson zu bringen. Den Schuhladen zu entdecken, der Pikes führte. Der Eltern Altklamotten aufzumöbeln. Oder, aus deren Sichtweise, zu schänden.2

Es galt, die passende Frisur hinzubekommen: Die Friseusen des fortschrittlichsten Salons im heimischen Großdorf haben sich bei der Rasur von Schädelseiten und Nacken3 dermaßen angestellt, dass ich mir 1988 eine Haarschneidemaschine gekauft und seitdem niemals wieder einen Frisörladen betreten habe.

Die Mode war frei von Albernheiten und Kinkerlitzchen, wir haben das damals sehr ernst genommen.4 Die Farbe des Erkennens war Schwarz. Kaum jemand lief damals freiwillig ganz in Schwarz herum, -zigmal wurde ich gefragt, ob ich in Trauer sei.

Den Waverlook zusammenzustellen, das war seinerzeit eine Leistung. Niemand hat einem das passende Outfit in wahlweise x Stilrichtungen hinterhergeworfen. Dieser Markt war noch kaum entdeckt, Fantasie und Findigkeit vonnöten.5

Es war auch in anderer Hinsicht nicht immer einfach: Ein Grufti ist in den 80ern mehr aufgefallen als alles, was es da heute so gibt. Die Massenmedien haben das Volk ein wenig abgestumpft. Bis auf unsere Provinzler vielleicht, die können mitunter noch staunen.

  1. Letzterer auch ein Kandidat für das urplötzliche Zum-Normalo-Mutieren. []
  2. Genial, was sich manche Waver da haben einfallen lassen! []
  3. Das hieß damals nicht ‚Undercut’. []
  4. Oder sind Waver und Grufis mit Plüschfledermäusen und rosa Totenköpfchen einherstolziert? Never. []
  5. Übrigens bin ich durchaus angetan von Gothicläden und sehr erbaut über die Möglichkeiten des Internet. []

Spätschichtromantik

Sonntag, 18. September 2011

Es gibt Abende, an denen werden noch um neun Uhr mehrgängige Menues bestellt.1 An anderen Abenden spüle ich gemächlich vor mich hin, putze gar aus Verzweiflung.

Bis die Köche den Rappel bekommen, übergangslos in den Schlussmodus wechseln. Zu zweit bilden sie ein frei bewegliches Paternoster, schleppen alle spülbaren Gerätschaften an. Auf meinem Spültisch ent­steht ein Stahlplastporzellangebirge. Manchmal versuche ich, es schneller abzutragen als die Köche nachliefern. Es gelingt mir nie.

Jeder werkelt in seinem Bereich, niemand spricht, im Hintergrund summt das Radio. Die Toten Hosen bringen „Alex“, plötzlich brüllen alle Köche: Arschloch! Die Routine sorgt dafür, dass ihnen die Arbeit scheinbar nebenher von der Hand geht. Sie poltern mit den Lüftungsgittern, den gusseisernen Aufsätzen des Gasherds, stemmen die mächtigen Schneidebretter. Ab und an riskiert der Chef ein Auge.

Dann der Augenblick, in dem einer von uns den Schlauch anschleppt. Von den gekachelten Wänden hallt das Zischen, mit Heißwasser auf Fliesen trifft. Danach das Geräusch des Besens, mit dem wir den Boden schrubben, gefolgt vom Schaben der Abzieher, die Wassermassen in die Senkschächte schieben.

Boden trocknen, Wagen wieder hereinfahren, frische Tüten in die Tonnen. Wäsche bereitstellen. “Alles fertig?” – Der Chef schließt die Türen ab, Tschöh.

  1. Bevorzugt, wenn ich am nächsten Vormittag auf Lesefahrt gehe. []

Alt ohne Würde

Freitag, 16. September 2011

Lack ist kein sonderlich robustes Material, Lackkleidung altert daher ziemlich uncool. Bedauerlich für jene, die wie ich ihren Kram gern bis in alle Ewigkeit tragen. Was passiert eigentlich mit einer Lackjacke …

… wenn sie lange Zeit regelmäßig in die Waschmaschine wandert …
… dann sechs Jahre lang unbenutzt im Schrank hängt …
… zustaubt …
… urplötzlich aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen wird1
… und im tropisch warmen Exhauskeller2 die Nacht durchtanzen muss?

  1. Weil a) Besitzerin wieder hineinpasst, b) es zu heiß für den Mantel ist, c) ‘ne coole Schwarze Fete stattfindet []
  2. Trier []

Gerste, Galgenberg.

Montag, 12. September 2011

Auf dem Galgenberg bei Sirzenich, Aufnahmen von Mai und Juni 2011. Heute hat es mich dort fast weggeblasen, sah im Geiste die Gehenkten schaukeln.

Bier promisk

Montag, 5. September 2011

Leere Bierflaschen, etliche verschiedene Sorten

Was die Wahl meiner Biersorten betrifft, pflege ich Kontakte mit verschiedenen Partnern. Trotz dieser promiskuitiven Praxis bin ich durchaus an langfristigen Bindungen orientiert. Derzeit könnte ich mir Franziskaner Weissbier dunkel als dauerhaften Begleiter vor­stellen, sporadisch aufgelockert durch Grimbergen Optimo Bruno.

Elektrostreitwagen

Freitag, 2. September 2011

Wer Trier möglichst authentisch erkunden will, kann sich einen antiken römischen Elektrostreitwagen ausleihen. Ich sah die Herren vor der Porta Nigra üben, sie hatten großen Spaß mit den Gefährten. Später sind sie vor der Kaiser-Wilhem-Brücke an mir vorbeigebraust und in Zurlauben eingefallen.

Nachtrag: “Segway” heißen die Touristenroller. Weiterführende Links:
Segway Personal Transporter (Wikipedia)
Segway Touren Trier
Werte Kommentatorin, werter Kommentator: Vielen Dank!
Sollte sich jemand erkennen und das nicht gut finden, bitte Bescheid: Dann lösche ich die Fotos. Sollte sich jemand erkennen und die Fotos gern haben wollen, bitte ebenfalls Bescheid. ;)