Sicher waren auch Sie schon an so manchem Samstag in der Fußgängerzone zum Einkaufen unterwegs. Meistens herrscht ein Betrieb, als habe die ganze Welt immerzu Urlaub. Mitunter nimmt eins der wimmelnden Gesichter im Näherkommen vertraute Formen an. Man kauft etwas, schaut auf und freut sich - oder auch nicht. Heute hatte ich mir gerade die "Platte" gekauft, da traf ich Frau Wurgel. Ich erzählte ihr davon. Das ergab folgendes Gespräch:
| Leo: | [Oje, da rückt die Wurgel an ...] Tag, Frau Wurgel! |
| Wurgel: | Guten Tag, Frau Aspekt. Wie sehen Sie denn schon wieder aus. Gehen Sie so etwa einkaufen? |
| Leo: | Ja, Frau Wurgel, das tue ich, aber Aspekt heiße ich nicht. Gerade eben habe ich mir die "Platte" gekauft. |
| Wurgel: | Soso, Sie haben noch einen Plattenspieler? |
| Leo: | Nein, keine Schallplatte ... |
| Wurgel: | [fällt ins Wort] Ach, Sie tippen ja Sachen in den Computer, sicher meinen Sie eine Festplatte! |
| Leo: | [Da schau her, die Wurgel.] Nein, keine Festplatte, ... |
| Wurgel: | [reckt triumphierend den Stock] Ha! Jetzt hab ichs: Es geht um den Herd! Aber das heißt doch Glaskochfeld heutzutage. Haben sie mit Induktion? |
| Leo: | Nee, ich habe gar nicht. Ich mag keine Glaskochfelder. Es geht um ... |
| Wurgel: | [fuchtelt mit dem Stock und trifft fast einen Passanten] Jetzt kommen Sie mir aber nicht mit irgendwelchen Fliesen! |
| Leo: | Nein, zum ..., ich meine die Platte! |
| Passant: | [verärgert] Wie bitte? |
| Wurgel: | [verdutzt] Was? Seine? |
| Leo: | [Oh nein, jetzt ist der auch noch kahl!] Nein, Sie doch nicht! Sorry, aber Frau Wurgel will einfach nicht zuhören. Ich meine die "Platte", die Obdachlosen-Zeitung! |
| Passant: | 'Wohnungslosen-Zeitung' heißt die. Gute Sache, das. [geht halbwegs besänftigt weiter.] |
| Wurgel: | [sieht dem Passanten nach] Ui schade, der war doch keß ... nun ja, wie soll ich denn auf sowas kommen? Wohnungslosen-Zeitung, wie? So ein Unsinn. Einfach unverschämt. Obdachlosen für ihre Zeitungen Geld abzuknöpfen! |
| Leo: | Aber nein, die Zeitung ist nicht für Wohnungslose, sondern von Wohnungslosen. |
| Wurgel: | [verwirrt] Nicht für Obdachlose? Aber doch von Obdachlosen? So ein Recycling oder wie? |
| Leo: | Die ist natürlich auch für Obdach... |
| Wurgel: | [rammt den Stock aufs Pflaster] Entscheiden Sie sich endlich! |
| Leo: | [verzweifelt] Für und von! Für alle! Und auch kein Recycling. Warten Sie, ich zeige Ihnen einfach eine. [kramt im Rucksack] Also recyclen lassen können Sie sie natürlich auch, nach dem Lesen, oder weitergeben ... |
| Wurgel: | Sie machen mich wahnsinnig. Das ist ja nicht zum Aushalten mit Ihnen. Guten Tag, Frau Aspekt! [rauscht ab] |
| Leo: | Ich heiße nicht Aspekt ... |
Binnen Sekunden war Frau Wurgel im Gedränge der Fußgängerzone verschwunden. Vielleicht findet sie dereinst selbst heraus, was es mit der Wohnungslosenzeitung von und für auf sich hat. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls zittere ich schon vor unserer Begegnung.
Vielleicht besucht Frau Wurgel ja auch den Leo-Aspekt, wo sie mich schon penetrant so anredet. Sicherheitshalber habe ich den Internet-Auftritt der Obdachlosen-Initiative 'Platte' hier verlinkt. Die Zeitung wird in ganz Rheinland-Pfalz von Wohnungslosen auf der Straße verkauft. Man kann darin sogar Anzeigen schalten. Gute Sache, das.