Im April 2007 sind Mohicain und ich losgezogen, um mit einer Kleinbildkamera
ein paar von Triers Litfaßsäulen abzulichten.
Vorweg: Der Fotoapparat heißt Braun C 35 F autoflash,
er entbehrt jeder
Einstellungsmöglichkeit und ist ungeeignet für
Nahaufnahmen.
Der belichtete Film muss sogar noch von Hand zurückgekurbelt werden.
Trotzdem war C 35 F im Jahre 1988 mein ganzer Stolz und
für ein Spaßprojekt schien mir das
Gerät noch tauglich.*
Übrigens ein prima Trick, mit Fotoapparat durch eine
touristisch geprägte Stadt wie Trier zu ziehen:
Wildfremde Leute lächeln freundlich, Passanten machen Platz, Einheimische
bieten an, den Weg zu erklären - und sogar die Busfahrer bremsen! ;)
Unser Rundkurs ist scherzeshalber
mit grünen Krakeln in den auch sonst recht bunten Stadtplan gemalt. (Der
stammt aus der grauen Vorzeit ohne Google Maps, vor Äonen habe
ich ihn fleißig genutzt.) Wir sind via
Steingröver Weg ins Paulinviertel gelangt,
gleich in der Göbenstraße empfing uns die erste Säule und
hielt für ein Einstiegsfoto still.
Die Moltkestraße kannte ich noch aus WG-Zeiten, doch mit der Säule
auf der Ecke zur Roonstraße
hatte ich nicht gerechnet.
Mohicain, der nur aus Jux und Dollerei mitgekommen war,
versteckte sich dahinter und breitete die Arme aus.
Wer bessere Augen hat als ich, erkennt vielleicht
seine Hände. Wir gingen weiter auf die Post zu, wo ich
Nummer drei in Richtung St. Maximin in den
Film brannte. Ursprünglich hatte
die dritte Litfaßsäule den Film als erste zieren sollen,
denn die kannte ich schon länger.
Wir hatten bisher nie bewusst auf diese Informationsträger geachtet
und ihre Häufigkeit daher
erheblich unterschätzt. Schon auf dem Bahnhofsvorplatz stand die nächste.
Diese dröge
Gegend sollte einst unter Einbindung der Maximinkirche einer
Neugestaltung unterzogen werden,
eine Maßnahme, die in Trier eher Anlass zur Besorgnis denn
zur Freude ist. Aber vielleicht wird es ja doch ganz nett und kein zweites
Alien-, Verzeihung: Alleencenter (sofern es wirklich einmal geschieht).
Auf dem Weg zu letzterem spang ich kurz in die
Bahnhofstraße, die sich nach der Kreuzung als Theodor-Heuss-Allee
unter dem Schatten großer alter Bäume hinzieht.
Das Foto lässt das erahnen, zufällig habe ich auch eine rote
Reklamesäule beim Warten an der Ampel erwischt.
Über diese Kreuzung sind seit Existenz des Bahnhofs Heerscharen
von Pilgern und sonstigen Touristen gezogen,
denn sie führt zur Porta Nigra, dem
Wahrzeichen der Stadt. Doch wir waren auf die Erfindung des Herrn Litfaß aus,
nicht auf römische Stadttore,
deren Sandstein vor Alter stellenweise schwarz verkrustet ist.
Wir wandten uns daher dem Fragment der einstigen
Fabrikstraße zu, in dem ein steingewordenes Exemplar seiner Idee lauerte.
Jenseits des Einkaufszentrums betraten
wir die restlichen Überbleibsel dieser Straße,
die dank des gewaltigen Alleencenters zur Parkhausein-
und -ausfahrt verkommen ist. Einst hat hier
tatsächlich eine Fabrik gestanden, hinter uns versuchte das Einkaufstrumm, sich
hinter einem Vorzeigestück der alten Fassade zusammenzuducken.
Völlig unbeeindruckt von Aufstieg und Fall des schönen alten
Ziegelbaus harrte auf der Kreuzung davor - na was wohl - eine Säule
meiner optischen Linse.
Die Ostallee, in die wir
nun abbogen, führte uns an einer
hauseigenen Reklamesäule der Trierer Stadtwerke vorbei, die ich sofort als
'nach Litfaß-Art'
einstufte und auf ein Stück Film leuchten ließ. "Ich stieh'n net ob
lang Leitungen!" heißt es über dem Mundartkundigen,
einem Trierer Original und Sänger,
der den Stadtwerken als Maskottchen dient.
Wenige Meter weiter, auf der großen Kreuzung
Ostallee - Gartenfeldstraße - Mustorstraße, glaubte
sich Mohicain
sicher vor der Kamera. Hinterrücks bannte ich ihn neben dem dortigen
Säulenexemplar auf meinen gnadenlosen Kleinbildfilm. Sicher vor einer
Identifizierung ist er auf jeden Fall, dort rechts auf dem Alleenweg.
Drei dieser baumgesäumten Straßen umgeben als offenes Karree die Innenstadt
und heißen ihrer Lage nach Nord-, Ost- und Südallee.
Sie bilden wie auch anderswo
den ehemaligen Verlauf der Stadtmauern ab, nur eine "Westallee" ist mir nicht
bekannt. Mag sein, dass die Mosel daran schuld ist, eher aber die vierspurige,
sehr stark frequentierte Uferstraße, die Stadt und Einwohner von
ihrem Fluss trennt.
Wir bogen an der Kreuzung
nach rechts zur Fußgängerzone hin ab, auf einmal
waren keine Säulen mehr zu
sehen. Die sind dort offenbar nicht hip genug, statt ihrer fanden wir die
sogenannten 'Kulturnägel'. Sehen irgendwie kaputt aus, nicht wahr?
Die Idee an sich ist nicht einzigartig, wie ein Kurztrip nach Saarbrücken beweist.
*Beam!*, schon war ich
in der saarländischen Metropole, hier die Faktoreistraße, na sowas.
Wie ging das vor sich? Nun, es ist
das meine Heimatstadt und ich hatte dort zu tun. War am Hauptbahnhof verabredet,
der gerade eine Großbaustelle war, hatte für alle Fälle die
Kamera mit dem noch nicht ganz belichteten Film dabei und ein paar Minuten
Zeit für die Säulenpirsch.
Wie wir in der Faktoreistraße sehen, hat auch
das Saarland Kultur. Ein paar Meter weiter stand die verhärmte Schwester.
Hatte man vergessen, ihr ein blaues Kulturhütchen aufzusetzen,
oder war sie in die Barbarei zurückgefallen? - Mir blieb keine Zeit, es
zu ergründen, ich musste zurück zum Bahnhof.
Der große Platz war zu meiner Schul- und Lehrzeit eine Bushaltestelleninsel,
umflossen vom starkem Verkehr auf Reichs- und Trierer (!) Straße.
Dort prangte eine
Hightech-Litfaßsäule mit Uhr,
Beleuchtung, Dach und Bank. Oho! Foto! Als ich den Turm danach umrundete,
entdeckte ich auf der Rückseite
den Eingang: Haha, das war ein öffentliches WC! Touristen sind eben dämlich,
die knipsen auch schon mal ein Klo.
Nix wie weg *Beam!* und zurück nach Trier, wo die Kultur schief
eingeschlagen ist.
Vorbei am Nagel vor der Einmündung Palaststraße liefen wir durch die
Konstantinstraße über den
Kornmarkt,
bogen in die Fleischstraße ab und erreichten schließlich via
Stresemannstraße den Viehmarktplatz, der gänzlich anders
aussieht als auf dem alten Stadtplan.
Der Kulturnagel gegenüber
war an der einzig möglichen Aufnahmestelle
zugeparkt, ansonsten keine Litfaßsäule weit und breit.
Was tat man da als
Plakatkleber? Diese Frage beantwortete mir in der Fahrstraße die
Lüftung eines unter die Erde verlegten Parkhauses.
Mohicain blieb auf dem Viehmarktplatz, um sich mit kühlem Bier
zu erfrischen. Alleine zog ich durch Fahr- und
Neustraße und nach einem Abstecher zum Bio-Supermarkt schließlich
auf den Hauptmarkt.
Das Herz der Trierer Fußgängerzone
ziert das Marktkreuz, aber kein Andenken an den seligen
Herrn Litfass.
Rechts davon zweigt die Sternstraße zum Domfreihof
ab, doch den Trubel dort mied ich lieber. Wie das Foto belegt, wurde
mal wieder der "heilige Rock" ausgestellt.
Der Hauptmarkt
geht fließend in die Simeonstraße über, mangels Plakatsäule
hielt ich wenigstens den Blick in Richtung der Porta Nigra fest.
Ich schlüpfte unter der Porta durch, wie Trierer das seit 180 nach Christus
tun, und durch die inzwischen anderweitig genutzte Unterführung
in die Theodor-Heuss-Allee (genau: hier
entlang geht es zurück zum Bahnhof!) Vor der Apotheke im
Rundbau Ecke Göbenstraße fotografierte ich das eigenartige Bauwerk,
das wie eine in den Boden
gestampfte Litfaßsäule oder auch wie ein Riesenpilz aussieht.
Ein paar Tage später hatte Mohicain einen kaputten Fuß und
brauchte lindernde Salbe. Ich besorgte sie ihm eigens in dieser speziellen Apotheke,
sodass ich mich unauffällig nach Sinn und Zweck des
Pilzbauwerks davor erkundigen konnte. Es war das einst ein Kiosk, teilten mir die
PTA mit, erfreut ob der vom Alltagstrott ("Ham Sie das auch als Zäpfchen?")
abweichenden Frage. 2007 stand der Pilz leer, inzwischen ist er den Weg aller
pilzigen (und anderen) Geschöpfe gegangen. Mit ihm endet auch die Fototour.
Triers Säulen sind zwar nicht so schön wie Frakars (siehe unten),
dafür zahlreich, in Betrieb und bisweilen sichtlich der Kultur geneigt.
Überarbeitete Fassung des im Mai 2007 in der TLZ (Ausgabe Nr 118) veröffentlichten Beitrags. In Nr 116 brachte Frakar (Spielerfinder und Big Boss im Tuckerland) einen Bericht über die kultigen alten Plakatsäulen seiner Stadt, die freigekratzt nur noch dastehen - nicht so ganz im Sinne von Ltfaß. Frakar regte an, es ihm nachzutun und in der eigenen Gegend Säulen abzulichten. Außer mir in Nr 118 hat das in der 117 Manathas getan, einer der Mitarbeiter in Frakars Tuckerland. (Der Hintergrund der TLZ ist traditionell gelb, den Original-Quelltext habe ich nur behutsam angepasst.)
* Braun C 35 F autoflash ist meine einzige Kamera. ;)