Heute ziehe ich los, eine Ausstellung zu besuchen. Der letzte Tag! Selten steht mir der Sinn nach solchen Dingen, wohl deshalb habe ich die anderen 15 Termine verpasst. Mein Weg führt mich einmal quer durch dei Trierer Fußgängerzone.
Es nieselt. Der nördlichen Allee ist der Herbst deutlich anzumerken, die Kastanien lassen wenig begeistert die fleckigen Blätter hängen. Natürlich verpasse ich die Grünphase der neuen Ampel vor dem alten Stadttor. Trotzdem bin ich froh, dass es sie gibt. Schnell streichle ich das gelbe Kästchen des Grünmachers, er produziert unbeirrt weiter seine Töne. Ich bekomme Gesellschaft, alle kosen erfolglos das klackende Gerät. Das eint uns. Auch drüben staut es sich schon mächtig. Hinter den Leuten auf der anderen Straßenseite entdecke ich Zeltdächer, sie ragen auf dem Platz südlich der Porta Nigra auf. Ein Event. Vorsicht ist geboten! Wir starren nun zu zehnt auf die Ampel, drüben sind es dreizehn. Die sind mehr und haben ein Fahrrad. Wir prangen mit zwei Kinderwagen in Panzerstärke und einer alten Frau mit Stock. Huch? Nein, es ist nicht die Wurgel.
Alarm! Der Grünmacher hat das Ampelmännchen aus dem Rot geholt und fiept vor Wonne im Stakkato. Der mit dem Fahrrad spurtet los und drängt unseren Kinderwagen Ost ab. Verdammt. Die alte Frau schwingt den Stock und irritiert eine gegnerische Familie. Kinderwagen West teilt eine Touristengruppe, ein Arm Touristen ergießt sich in den Alleemittelstreifen, der andere quert weiter bis zur anderen Straßenseite. Unsere Gruppe kommt vollständig drüben an, wir sind durch! Von den anderen sind drei noch bei Rot auf der Fahrbahn, der Sieg ist unser nach Zeit und Punkten. Schon sammeln sich die nächsten Kontrahenten und belauern einander. Unmerklich nicken sie im Takt des Grünmachers. Klack. Klack. Klack.
Eben noch siegreich, gehen wir gnadenlos unter, zerfallen auf Simeons Trottoir in machtlose Einzelkämpfer. Eventparker zwängen den Bürgersteig auf Nadelöhrgröße ein. Wir Bürger steigen einander auf die Füße. Ich hänge hinter einer Familie fest, ihre Stärke liegt mehr in der Horizontalen als in der Vertikalen. Die Kleinbreits, wahrscheinlich, alle fünf watscheln. Da, Platz neben der Laterne. Anlauf. Einen Gang höher schalten, los! Vorbei. Ein Schlenker nach links vor einer kühn anstürmenden Frau, bremsen vor den täglichen Stühlen, schnelles Zickzack durch lose verteilte Einzelgeher, Stau. Im Zeitlupentempo im Pulk mitschleichen, rechts am Hochbeet mit den Canna vorbei. Die werden sicher bald abgeräumt. Argh, nicht ablenken lassen, keine Blümchen gucken. Lücken abpassen! Rangieren! Geht nicht mehr, zu spät, hänge fest in der Gerade zwischen Hauswand und Baustelle. Der Weg ist ziemlich breit, dennoch kein Ausscheren möglich: Ununterbrochenes Gegneraufkommen. Da, los! Und Schnellstop, ein Papa rast mir seinen Buggy vor die Füße. Die Reifen qualmen, das Kind quiekt, die Mutter ebenfalls. Freuds Siggi grinst sich einen. Das war eine fiese Attacke! Endlich: Baustelle umrunden, gleich habe ich freie Sicht bis zum Hauptmarkt.
Die Sicht ist die Hölle! Heerscharen wimmeln, von Kaufhof bis Gangolf. Ihre Mauer scheint undurchdringlich. Muss da durch, tauche ein. Eine Touristengruppe saugt mich auf, schleppt mich mit, speit mich aus. Der Falle entronnen - pures Glück. Überhole rechts langsames Paar, stoppe hinter ausscherendem Mann, flanke ihn links. Schnellstop hinter kreiselnder Frau. Die kreist davon, lasse mich nicht irritieren, mache vorwärts. Schnell, bevor dieses Paar von rechts an dem Klappschild vorbei ist. Die beiden zücken schon ihren Buggy, den sie hinter dem Schild bereitgehalten haben. Das Ding ist geladen, Kind reißt schon Mund auf! Hastiges Umkurven links. Hinter mir röhrt es los, das war knapp.
Stuhlstopp, überall steht Außengastronomie im Weg. Einscheren vor Touristentrupp
mittelalt,
der in meine Richtung zieht. Keine Feinde, aber langsam.
Weißhaariger Mann aus dem Off spurtet am Trupp vorbei,
holla, ist der flott! Hänge mich in seinen Windschatten. Wir rasen dahin, er beherrscht
die Schlenkertechnik. Hinter der
Sternstraße fängt ihn mir ein Schaufenster vor der Nase weg,
vorbei der Spaß. Lauere eine Zeitlang hinter Ehepaar auf Lücke. Da ist eine,
beschleunigen, rechts ab, einscheren hinter Motorradgruppe. Alle sind linkshändig
behelmt.
Zwei Bälger nerven im Gewimmel, genau helmhoch rasen sie durch die Beine. Kopf
trifft Helm, donk, Wäääh!
Foul, Kindergeschreiattacke! Spurte seitwärts steppend an
Motorradgruppenausläufer vorbei, schiebe mich durch Donalds
Mäste
Gäste, sie rächen sich mit forciertem Stuhlstopp.
Kurzsprint, Spähblick und einscheren in die menschenfreien Steipenarkaden. Im letzten Moment wächst eine junge Frau mit Fahrrad aus dem Boden und schiebt sich vor mich, verdammt. Drüben naht ein Teenietrupp, wieso schiebt die Frau so langsam? Was musste die unbedingt noch vor mich, wenn sie dann so schleicht, ist das ein Trick? Das gibt doch einen - Stau, pubertäre Zappel und Zeter, Herauswinden aus Steipenmöbeln in Zeitlupe. Bin angeschlagen, gerate in Touristentrupp hochbetagt, werde immer weiter mitgezogen in Richtung Dietrichstraße. Erst verzweifelte Schlenker bringen mich wieder in die Fleischstraßenkurve, dort drei Stuhlstops hintereinander. Waren das noch Zeiten, als die Leute bis nach Frankreich fahren mussten, um auf der Straße vor Cafés herumsitzen zu können!
Zahlreiche in die gleiche Richtung ziehende Kämpfer - die Umstände pressen uns für kurze Zeit zu einem "Wir" zusammen. Ex Horten fällt uns in die Flanke und ergießt seine Kundenströme in unsere Gerade. Wer nicht zu Horten überläuft, wird niedergemacht. Nur wenige überwinden den Feind, gehen nicht in das kaufhaus, eilen in der Gegenrichtung davon. Dieser Feind ist tückisch, er hat tiefe Löcher und Gräben ausgehoben und an den Füßen der harmlos aussehenden Baustellengitter stählerne Fußschlingen ausgelegt. Unsere Vorkämpfer haben die Gräben überbrückt, doch daneben ragt ein Plattschläger gläsern in die Höhenmeter. Das ist ein riesiges Ding, getarnt als Frontteil des hier entstehenden Einkaufszentrums. Er wird die Brücken samt den Kameraden zerschmettern! Nein - er bebt, doch er fällt nicht! Unsere Techniker haben die Waffe gerade noch rechtzeitig entschärft. Hurra! Voran!
Der Kornmarkt dünnt den Gegner aus, aber auch die eigenen Leute. Wir vereinzeln wieder. Viel Glück, Kameraden! Querattacken von links, zeitgleich erhöhtes Paaraufkommen. Minutenlang nur Stepp-Schlenkertechnik möglich. Kräftezehrend! Hänge von Döge bis Heuschreck hinter drei Frauen im Kaufrausch fest, ein Tütenwall. Sie wanken auseinander, ich zische durch knisternde Taschen, bin auf der Ampelgerade. Rot ist ihr Mann. Bin plötzlich von gleichgekleideten Gegnern umzingelt. Haben mich überrumpelt, dürften gut getarnt gewesen sein. Der Ring zieht sich um mich zusammen - nicht hinsehen. Sehe doch hin. Alles Japaner im Anzug! Muss eine neue Geheimwaffe sein, mit Sicherheit sehr effizient. Nichts wie weg! Im Spurt auf die Ampel los, wird grün, ein Kamerad muss die Schaltung angefunkt haben. Queren, hurra!
Im Siegesrausch voran, keiner überholt mich! Naturgemäß, denn es ist kaum jemand da. Ich habe das Schlachtfeld hinter mir gelassen, auf dem Weg zur Brücke ist nichts los. Ein Glück, bei den zwei Mensch breiten Trottoirs. Geruchsattacke, Kokos pur, kombiniert mit Ehepaar frontal und Auto aus dem Off. Nicht schlecht, doch ich bin besser. Einen letzten halbherzigen Angriff von rechts lasse ich durch pure Geschwindigkeit im Sande verlaufen und bin bald durch Karls Straße durch und vor den richtigen Ort gezweigt. Aber bin nicht willkommen: Ausstellung heute geschlossen. Schockstopp, Verwirrung. Welche Ausstellung? Was suche ich hier, ich war doch mitten im Gefecht? Es ist Fußkrieg!
Welch ausgekochte Taktik, mich so in die Irre zu führen! Aber mich kriegt ihr nicht! Der Rückweg ist schnell überwunden, an der Ampel steht nun keine Geheimwaffe mehr. Puh! Oder ist die Tarnung so perfekt? Sicherheitshalber täusche ich Fleischstraße an, überhole links, spurte in Richtung Menschenmenge und schere im letzten Augenblick nach rechts in die Fahrstraße ein. Gegner unterschätzt, sofort Überfall durch rollerfahrende Kinder. Sind zum Glück so kindlich unkoordinert, dass es sie hinfortrollt. Hier ist der Feind zahlenmäßig unterlegen, die meisten wollen in meine Richtung. Dafür kluge Strategen. Drei junge Männer schlendern so gekonnt zufällig durcheinander, dass ich sie nicht überholen kann. Agenten! Der Feind in den eigenen Reihen! Einen verzweifelten Ausfall vereitelt eine Mutter. Sie tritt mir in den Weg, im Arm mit der Zigarettenhand ein Kind, dem sie beim Dutzi-Dutzi Qualm und Asche ins Gesicht bläst. Feind, oh Feind, was sind das für Methoden! Verpasse meine Lücke bei dem Anblick, hänge wieder hinter den Agenten. Die zweite Chance scheitert an einer Straßen-Kampfpalme. Will keine zerschltzten Hände, nein. Dritte Chance! Ausscheren, überholen, lange liegen wir Kopf an Kopf, endlich stoppt ein Rentnerpaar die drei und läßt mich hinter sich einscheren. Danke, Kameraden! Der Schwung treibt mich fast in den Handwerkerbrunnen, schon will eine schnatternde Frauengruppe mich ins Schmiedeeisen drängen, mache einen Schlenker nach links bis zum Stuhlstopp vor der Kiste. Entgehe frontaler Buggyattacke im Seitstep, Minispurt in die Brotstraße.
Engpass Café 1984! Echtzusammenstoß mit verträumtem Feind, kann nicht ausweichen. Der entschuldigt sich, einer von uns? Tuba-Attacke voraus, verstörende Töne. Gehe zur Schlenkertechnik über, erreiche das Zentrum der Wellen, Zähne zusammenbeißen und durch. Fünf Meter freies Gehen bis zur Konstantinstraße! Hurra! Bewährtes Manöver wiederholen: Brotstraße antäuschen, statt dessen Spurt nach rechts unter die C&B-Arkaden. Spurte weiter durch Geheimtunnel Palaststraße, keine Feindberührung. Erstaunlich. Sprint ins Bai-O-Geit, Proviant fassen. Agenten in der Kassenschlange, aber die Kassenfrau ist eine von uns. Sie schleust mich durch, hurra! Schleiche Richtung Domfreihof durch die Kesselstattpassage. Verdächtige Gestalten dort, aber keine Feinde. Wir meiden einander vorsichtig. Ein Zug Gläubiger sperrt den Passagenausgang durch Vorbeilaufen. Bin zahlenmäßig unterlegen, entgehe durch bloßes Abwarten. Endlich hinaus! Zu früh, finde mich in dreiseitiger Autoattacke wieder. Dreifachfoul! Dreifachfoul! Alle Autos vom Platz! Hier ist Fußgängerzone! Toben zwecklos, es sind zu viele. Nähere mich Gefahrenpunkt Domeingang. Er speit sonst Gruppen in Querrichtung, starker Tobak. Da, ein Paar! Spurt! Bremsen. Paar war nur ein Paar, Dom hat getäuscht. Verdammt, Punktabzug.
Sieh um Dich ist schwach besetzt. Frau stöckelt vor mir, taschenbehängte Wegsperre. Hier kann ich die Scharte auswetzen! Ziehe mit ihr gleich an Querung Sichelstraße, überhole und ziehe schräg nach rechts vorbei. Bin vorne, Sieg! Sieg! Trotz Freudentaumel geistesgegenwärtiger Step um plötzlich aufgerissene Autotür herum, miese Falle. Direkt im Anschluss drei Attacken von links durch aus-der-Haustür-Schießende. Sehr heftig, muss zwei Schockstopps einlegen. Danach kurz in die Suppe lächeln und in die Kochstraße kurven. Bemerke die Taschenfrau in meinem Windschatten. Ampelstopp, die stöckelt vor bei Rot! Foul! Foul! Hänge hinter ihr fest bis nächste Querung, dann ist sie abgehängt. Das Viertel ist menschenleer, hechle ohne neuerlichen Feindkontakt nach Hause. Breche im Flur zusammen, stolz und erschöpft: Zweimal Fußgängerzone in unter 60 Minuten. Verluste: Null, reife Leistung.
War heute viel los? Nein, eher normal für Samstagnachmittag. Nächstesmal gebe ich mir die harte Schiene. Die für Kamikazekrieger. Dann ziehe ich nicht in drögem Geniesel los. Dann warte ich, bis alle ihre Mörderschirme aufspannen, weil es richtig regnet!