Der Leo-Aspekt. Altgruftipunks Textereien.

Donnerstag, 17. November 2005

Hallo Du,

ein langer Brief ist mal wieder überfällig, wohl wahr. Asche auf mein Haupt! Als Bußübung schreibe ich Dir, statt mich auf's Futon zurückzuziehen. Bitte nimm das wohlwollend zur Kenntnis, denn heute hatte ich einen herben Tag. Von schichtfrei und der jährlichen Routine­kontrolle beim Zahnarzt hätte ich mir wahrhaftig mehr Ruhe versprochen, vielleicht sogar ein wenig Zeit, an meiner Abenteuergeschichte mit dem kom-Kapitän zu schreiben. Aber Pustekuchen!

Leider hatte ich den Zahnarzttermin schon vor längerem auf elf Uhr gelegt. Zur Zeit schlafe ich aber bis zwei Uhr nachmittags, wegen der vielen Spätdienste, da ist Aufstehen vor high noon schon ziemlich hart. Trotzdem glaubte ich gestern, einem erholsamen Donnerstag entgegenzusehen. Eigentlich hätte ich einkaufen müssen. Ich wartete und wartete, doch es goss und goss, es goss in Strömen und wollte schier nicht mehr aufhören. Irgendwann habe ich resigniert und eine Ladung Wäsche aufgestellt (in der neuen Miele!), doch weil ich allzu lange gezögert hatte, war sie reichlich spät fertig. Ich hasse Hetzerei vor acht Stunden Spätschicht. In der Hoffnung, alles noch schnell aufhängen zu können, stieg ich schon mal in die Stiefel, kurz bevor die Maschine mit dem finalen Schleudern begann Ich war ungehalten da leicht gestresst, dabei war noch gar nichts passiert. Der richtige Ärger lauerte zu dem Zeitpunkt nämlich noch unterm Dach.

Ich saß im Zimmer mit dem alten Futon, auf dem ich mangels Massageliege die tägliche Rückenübung absolviere. Drüben surrte leise die Miele, ich schnürte einen Stiefel, im Hintergrund klopfte etwas. Wie auf Pappe. Hm? Ich achtete zuerst nicht weiter darauf, denn vorher hatte schon mal wer gehäm­mert. Doch es klopfte ununter­brochen weiter, und es klang jetzt anders als vorher. Sanft, leise, regelmäßig. Was war das nur, ein sehr dezenter Handwerker? Unsinn ... allenfalls einer, der mit dem Finger auf Karton klopfte. Karton, wie Pappe. Aus Pappe kann man coole Möbel machen. Mein altes Futon zum Beispiel, das ist ganz aus Pappe. Moment mal - bei starkem Regen wird immer mal wieder das Dach undicht. Es würde doch nicht etwa ...? Mit halbgeschnürtem Stiefel stürzte ich zum Futon. Doch, es tat: Wasser tropfte vom Balken in der Decke auf eine der Kartonbahnen. Es regnete auf mein Pappbett! Schrei!

Das Dach ist seit Jahren undicht. Der Vormieter hat sich bei mir darüber beklagt, ich fand's kultig ... aber doch nicht ausgerechnet JETZT! Es war schon zwanzig nach fünf und um sechs musste ich in der Kneipe sein. Außerdem hatte es bisher in die Dachkammer geregnet oder in den Flur, auch mal in die Küche, aber nicht in dieses Zimmer. Nicht auf ein Möbelstück aus zwar lackierter, aber trotzdem gegen Nässe empfindliche Pappe. Schleunigst räumte ich das Futon weg und stellte einen der Eimer unter die Stelle, die stets in der Dachkammer bereitstehen (meine kleine Eimer-Wehr, Joghurt- und Quarkgebinde aus der Kneipenküche).

Inzwischen war die Wäsche fertig, schnell hängte ich sie in die Dachkammer. Ein paar Kleidungsstücke sollten schneller trocknen, die kamen im betropften Zimmer auf den Klappständer (geh mir fort mit Wäschetrockner, Stromfresser ...). Dann bin ich in den Spitzboden über der Wohnung gekrabbelt und habe mit dem Mini-Lämpchen an einem Feuerzeug nach der leckgeschlagenen Stelle gesucht. Dort wollte ich ein weiteres Mitglied der Eimerwehr postieren, doch statt einer bescheidenen Eintropfenquelle fand ich einen nassen Bereich, dessen Getropfe eine ganze Bütte erfordert hätte! Oh Schreck. Mein Heim, mein Kniestock! Eiligg raffte ich meinen Kram für die Schicht zusammen und rannte zum Vermieter.

Mein Vermieter ist ein Urgestein im Viertel. Herr X hat sein Haus (und auch die nähere Umgebung) fest im Griff, er kennt jeden, er weiß alles. Ein Verflossener bezeichnete ihn gern als Beherrscher des X-Imperiums. Auch heute, als ich mit meinem Dachschaden daherkam, hat Herr X binnen fünf Minuten einen Termin organisiert - und zwar für heute morgen, gegen viertel nach acht. Uff! So schnell Handwerker im Notfall zu bekommen grenzt an ein Wunder. Das bringt nur Herr X fertig. Da opfere ich doch gern meinen Schlaf und - oh Goth! - stehe um halb acht auf ...

Natürlich war der darauffolgende Abenddienst nervenaufreibend. So ist das immer, wenn ich schon gestresst am Arbeitsplatz ankomme. Morgens früh um sieben quälte ich mich aus dem Bett, gestaltete mich unter Ignorierung gelber Rüben einigermaßen menschlich und schleppte all die Wäsche in ein anderes Zimmer. Dann checkte ich die Wände und fand zwei weitere undichte Stellen und einen fehlenden Schieferziegel. Danach ein Blick aus dem Fenster, es regnete. Schon wieder! Schrei! Wenn es regnet, fahren die Dachleute nicht raus. Wieso hatte ich das vorher nicht bemerkt, war es da noch trocken? Bevor ich mich ernstlich aufregen konnte, klingelte es an der Tür. Hurra, die Dachdecker! Als sie losgefahren waren, hatte es tatsächlich noch nicht geregnet. Glück im Unglück. Ich zeigte ihnen all die Stellen, wovon sie nicht gerade begeistert waren (kein Wunder), und erfuhr dabei, dass die Dachspitze über meiner Wohnung "Spritzboden" heiße, oder in meinem Falle "X-Boden". Ich schlief noch halb, keine Ahnung, ob das mit dem Spritzboden nun Dachdeckerhumor war oder nicht.

Die Dachkünstler mussten erst mal ihre Wege planen, denn das Dach ist steil und der Spitzboden oder auch Spritzboden hat sein Fenster "immer da, wo man's nicht braucht" (O-Ton Dachdecker). Über der Planung hörte freundlicherweise der Regen auf. Dachdecker habe ich bekanntlich schon öfter in Aktion gesehen, das muss irgendwie ein Talent sein. Wie immer schwangen sie sich unverzagt aus der schmalen Gaube und krabbelten ungesichert auf dem glatten Dach herum ... wah! Ich war (ebenfalls wie immer) furchtbar neugierig, habe mich aber perfekt beherrscht und die Leute in Ruhe arbeiten lassen. Jedenfalls fast perfekt, räusper - neugierige Hausbewohner sind bestimmt lästig und am Ende erschrecke ich noch einen.

Zwei Mann hatten gute 1,5 Stunden zu hämmern und zu klopfen mit meinem Dach, danach lag ich blöde in der Gegend rum, bis ich zum Zahnarzt musste. Dem erklärte ich, wieso ich wie ein Zombie aussehe: Kaum Schlaf gehabt wegen früher Dachreparatur. Prompt wollte er den Namen der Dachdecker­firma wissen. Er ist nicht Herr X, ich weiß nicht, ob ihm diese Information von Nutzen war ...

So viel für heute, ich muss jetzt ins Bett. Mach's gut!