Freitag, 05. November 2004
Hallo Du!
Nach unserem hektischen Kurzbriefwechsel will ich doch mal wieder einen richtigen Brief schreiben.Bevor Du noch denkst, ich schweige Dich wieder an ... wo wie die Sache mit der E-Mail so schön geklärt haben. Es ist weiter nichts Umwerfendes passiert. Weil Du immer schreibst, dass Du das so gern liest, erzähle ich Dir halt von meinen Alltagserlebnissen ... (hier bitte in Applaus ausbrechen) *g*
... also bis gestern musste ich mal wieder wochenlang besonders viel arbeiten, weil ein paar Leute gleichzeitig ausgefallen sind. Ich sag nur: Lese! Stell' niemals Winzerssöhne als Aushilfen ein, ~töchter auch nicht. Die lesen alle! Wochenlang! Und keine Bücher! Natürlich fielen auch in diesem Zeitraum meine zusätzlichen Pflichten wie Büroarbeit und Getränkeleitungspflege an. Zum Umsortieren von Gläsern wegen Markenwechsel bin ich auch erst Montagnacht gekommen.
Und ausgerechnet in dieser Zeit musste die Baustelle, die mich seit Wochen durchs Leben begleitet, morgens ab 8 Uhr froh erklingen. Das heißt, eigentlich ist sie nicht sonderlich mobil. Sie verharrt getreulich seit Anfang September vor der Haustür und wächst gemächlich in Richtung Kneipe. Ab und an tun sich ein paar neue Gräben auf, aber keiner geht wieder zu. Und ich frage mich, wieso gerade vor unserer Haustür gleich vier Löcher sein müssen, während es bei allen anderen mit maximal zweien getan ist. Die größte dieser rein zu unserem Privatvergnügen geschaffenen Hohlformen liegt direkt vor der Haustür, als solle die Treppe bis unter das Straßenniveau verlängert werden. Ich nenne sie "Loch-2/geradeaus". Auf der einen Seite schmiegt sich Loch-3/rechts an, auf der anderen Loch-4/links. Sie alle liegen dicht nebeneinander und sind tief ins Trottoir eingegraben. Dann gibt es da noch den großen gemeinschaftlichen Graben, das stattliche Loch-1/quer, das bis in die Fahrbahn reicht.
Gestern abends ist es mal wieder spät geworden, ein Winzerssohn musste morgens sehr früh in den Weinberg. Ich meinerseits hatte zwar einen Zahnarzttermin, aber erst um zehn. Also machte ich für den Kollegen Schluss. *seufz* An Ausschlafen war nicht zu denken, denn bezüglich der Baustelle ist "froh erklingen" mit "lässt das Haus wackeln" die treffendere Umschreibung. Doch als ich heute morgen vom Lärm geeicht gegen kurz vor acht aufwachte, blieb auch nach acht alles still. Juchu, heute keine Baustelle! Erfreut stellte ich den Radiowecker neu, döste wieder ein und ZONG! fiel fast aus dem Bett. Waah, doch Baustelle! Und, oh Schreck, kein Strom mehr! (Du weißt ja: Gasetagenheizung und Fertigdusche.) Ich habe für alle Fälle den Batteriewecker herbeigeholt, aber Schlaf stand nicht mehr auf der Themenliste. Eine knappe Stunde später war der Strom zum Glück wieder da und ich konnte Heizung und Dusche anschalten. Als das Wassser endlich warm war, blieben mir zum Fertigmachen nur noch zwanzig Minuten.
Entsprechend eilig stürmte ich aus der Haustür und wäre beinahe in Loch-2/geradeaus gefallen. Das gähnte direkt vor der untersten Stufe der Eingangstreppe, denn ihm fehlte der Steg von Loch-3/rechts her, der sonst beide abdeckt. Er lehnte unerreichbar im Graben. Große Grube das, tiefe Grube! Breiter als der Hauseingang. Zum Glück ist die Haustür etwas schwergängig, sodass man sie immer hinter sich zuziehen muss. Ich hing am Griff. Loch-2/geradeaus plus Loch-3/rechts waren zu breit für einen kühnen Sprung, zumal ich mich eher für zaghaft halte. Es stand niemand drin in diesen Ausgrabungen, man hatte einfach nur die Abdeckung entfernt.
Neben mir piepste etwas. Ich wandte den Kopf, auf dem Steg von Loch-4/links stand eine Frau mit Hund und lamentierte (wie lang wohl schon?), sie müsse da auch rüber, über das gemischte Doppel Loch-2/geradeaus - Loch-3/rechts. An ihr vorbei blickte ich an Loch-1/quer entlang. Im Gegensatz zu seinen Quadratkollegen war das wie gesagt eines von der rechteckigen Sorte, ein ausgewachsener Graben. Quer vor dem Eingang liegend, zog er sich nach links dutzende von Metern die Straße entlang bis zur fernen Kreuzung. Umzäunt natürlich. Über Loch-2/geradeaus drüber und dort hineinspringen war nicht ratsam. Unten lauerten Leitungen. Die vom Gas zum Beispiel. Und Bauarbeiter. Die haben Gewerkschaften! Auf Steg vier, Frau und Hund zu springen und dann um Loch-1/quer ganz herum und wieder zurück zu laufen dauerte zu lange, dann wäre ich zu spät zum Termin gekommen. Außerdem sah die Frau ziemlich bissig aus.
Auf einmal tauchte aus dem Graben, der hier wohl besonders tief war, ein armer alter Arbeiter auf. Erfreut begrüßten und baten wir ihn, den fehlenden Steg wieder über Loch-3/rechts und Loch-2/geradeaus zu legen. Er murrte ein wenig, ich bat flehentlich, die Frau piepste, ihr Hund begann ein Lamento. Im Handumdrehen balancierte der Bauarbeiter mit dem schweren Brett auf den schmalen Absätzen zwischen den Gruben und dem Graben. Schieben ging offenbar nicht. Als er fast fertig war, bemerkte ich endlich, dass Loch-1/quer zwischen hier und der Kreuzung noch zweimal von metallenen Stegen für Autoausfahrten zerschnitten wurde, ich hätte also ohne allzu gewaltigen Zeitverlust doch darum herumlaufen können (und mich beißen lassen). Schäm! Immerhin hatte die Frau mit Hund diese Autostege offenbar auch nicht bemerkt, und die war daran vorbeigelaufen. Für alle Fälle habe mich sehr freundlich bei dem armen alten Arbeiter bedankt, vielleicht sagt er es ja nicht der Gewerkschaft.
Als ich vom Zahnarzt (Er hat nicht gebohrt!) zurück war (Alle Stege am Platz!) und mich bei der zweiten Tasse Espressoe entspannte, klopfte es an der Tür. Davor stand ein ganz junger Blaumann (Kinderarbeit! Gewerkschaft!) und meinte, ich hätte jetzt für zwei Stunden kein Wasser. Froh bedankte ich mich für den Hinweis, denn letztes Mal ist es einfach so weggeblieben, und heute der Strom und vorgestern das Gas. Sobald mir das Wasser abgestellt wird muss ich dauernd auf's Klo, deshalb verkrümelte mich in die Kneipe um Kram zu erledigen und ging danach noch einkaufen. Als ich zum zweiten Mal heimkam, war es eiskalt: Schon wieder kein Gas! Erst übte ich mich in Geduld. Ich stellte mir vor, ich sei Überlebende einer Naturkatastrophe ("Eine halbe Million Haushalte stundenlang ohne Strom!"), wickelte mich in diverse Kleidungsstücke (Erste Hilfsgüter eingetroffen!") und wärmte mich an noch mehr Espresso ("Schwarzhandel mit Luxusgütern"). Das half etwa zwei Stunden lang. Danach rief ich im Kniestock den Notstand aus und versuchte, die Gasetagenheizung wieder anzubekommen. Es hat ein wenig gedauert, aber ich kenne ein paar Tricks. Als sie endlich lief ("Wiederaufbau macht Fortschritte"), klingelte es an der Tür. *schrei* Nein! Es reicht jetzt!
Diesmal war es der Baustellenleiter. Er stürmte
die Treppen herauf und meinte,
er komme zum Reaktivieren. Damit ich es wieder warm hätte.
Sehr freundlich, antwortete ich, aber wozu eigentlich? Meine Heizung hab' ich gerade
selber angemacht.
Achso, rief er, wegen Ihnen hatten wir den Stress!
Wie bitte, welchen Stress?
Nach kurzer Zwiesprache stellte sich heraus: Als ich im Büro war, hatte der
junge Blaumann (Kinderarbeit!) wieder Bescheid sagen wollen,
hat mich aber nicht erreicht.
Dem Baustellenleiter hat er nichts davon gesagt. (Gewerkschaft!)
Achso. Tut mir leid. War so kalt im Krisengebiet.
Soviel für heute - mach's gut!